Die Stellung des Alien im Kosmos

Max Schelers philosophische Anthropologie angewendet an „neuen“ und potenziellen Lebewesen

 

Max Scheler und die philosophische Anthropologie

 

Was macht den Menschen aus? Was ist der Mensch? Was unterscheidet den Menschen von allem anderen? Diese Fragen, in variablen Formen, beschäftigen die Menschen und somit die Philosophie schon sehr lange. Selbst im der alten Griechenland wurde sie gestellt und die Antwort sahen die Philosophen im Logos, dem Verstand. Mit dem Siegeszug des Christentums in Europa, aus dem Judentum kommend, wurde die Idee eines Schöpfergottes immer populärer und damit der Glaube an den Menschen als Abbild und höchste Schöpfung Gottes. Die Philosophie beschäftigte sich mit beiden Vorstellungen und tendierte mal mehr zur einen und mal mehr zur anderen. Max Scheler, ein Philosoph und Soziologe, widmete sich am Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Frage nach dem Menschen. Er stellte fest, dass in Europa drei widersprüchliche Vorstellungen über den Menschen sehr populär waren und oft gleichzeitig in einer Person existierten. Die zwei schon genannten und eine dritte, modernere, die den Menschen als ein Naturwesen, als Wesen der tierischen Evolution, definierte. Für ihn musste sich dieser Widerspruch auflösen und die ganze Frage nach dem menschlichen Sein von vorne beginnen. Es fehlte ein einheitliches Menschenbild und dies war dem Menschen nun auch bewusst. Dies ermöglichte zum ersten Mal eine unvoreingenommene, auf Ergebnissen unterschiedlicher Teildisziplinen der Wissenschaft aufbauende, Suche nach der Stellung des Menschen im Kosmos.[1]

Dies war auch der Titel eines kompakten Buches, basierend auf einen Vortrag, welches kurz vor Schelers frühen Tod 1928 erschien. Es sollte nur eine  komprimierte Zusammenfassung und ein Vorläufer eines größeren Werks über die philosophische Anthropologie sein.[2] Obwohl er sein Werk nicht vollendete,  gilt er als (Mit)Begründer dieses neuen Forschungsfeldes.[3] Scheler sah die Notwendigkeit einer philosophischen Anthropologie nicht nur wegen der widersprüchlichen Menschenbilder, sondern auch weil er das traditionelle Selbstverständnis des Menschen im Ganzen erschüttert sah. Die philosophische Anthropologie war für ihn ein Versuch der Selbstvergewisserung nach einem Identitätsverlust.[4] Nach der Christianisierung der europäischen Philosophie war diese drei großen Erschütterungen ausgesetzt: 1. Das geozentrische Weltbild wurde widerlegt. 2. Das Aufkommen der naturwissenschaftlichen Forschung und damit die Biologie des Menschen als Teil der Evolution. 3. Entdeckung des Unbewussten bei Freud und damit die Widerlegung der inneren Einschätzung des Menschen als Grundlage allgemeingütiger Erkenntnisse.[5] Scheler wollte die Philosophie aus ihrer mystisch-religiösen Vergangenheit lösen[6] und eine neue Menschvorstellung ohne einen Gottesbezug entwickeln.[7] Dabei soll die philosophische Anthropologie die Aufgabe eines philosophischen Unterbaus für die anderen Felder der Anthropologie übernehmen und empirische Befunde über den Menschen und das Leben philosophisch deuten. Das Ziel war es, auf der einen Seite die Philosophie auf den neusten wissenschaftlichen Stand zu bringen[8], auch wenn diese als Überblickswissenschaft immer den Spezialwissenschaften hinterher hinken würde [9], und auf der anderen Seite die naturalistische Einseitigkeit der Anthropologie aufzuheben.[10]

Dies war die erste Aufgabe der anthropologischen Philosophie für Scheler, die zweite war die Beantwortung der Frage nach der menschlichen Identität.[11] Um diese überhaupt beantworten zu können, musste ein Bruch mit der philosophischen Tradition stattfinden, welcher er auch vollzog.[12] Dabei lehnte er fünf Ideen über den Menschen ab: 1. Die jüdisch-christliche als Gottes Abbild 2. Die griechisch-antike mit der Vernunft im Mittelpunkt 3. Die naturalistisch-positivistische 4. Die romantisch-pessimistische mit der Vernunft als Sackgasse des Lebens und der Verherrlichung des Triebes. 5. Nietzsches Übermensch.[13] Es blieb keine klassische Argumentation mehr übrig, um die Sonderstellung des Menschen zu rechtfertigen bzw. überhaupt die Stellung des Menschen im Sein festzustellen. Nun gab es zwei mögliche Konsequenzen: Die erste wäre eine rein biologische Unterscheidung zwischen Menschen und anderen Lebewesen, welche bei einem Mensch-Tier-Vergleich keine harten Grenzen finden könnte[14]. Dann gäbe es keine Sonderstellung des Menschen. Diese Vorstellung lehnt Scheler als destruktiv ab.[15] Denn von einer Sonderstellung des Menschen gehen Scheler und die philosophische Anthropologie aus.[16] Die andere mögliche Konsequenz wäre, ganz von vorne zu beginnen und die unterschiedlichen Lebensformen erneut zu untersuchen und die Unterschiede zwischen diesen und den Menschen neu zu formulieren.

Aktualität Schelers Denken: neue Lebensformen

 

Arnold Gehlen, der Scheler in vielen Punkten kritisierte, sah dessen Genialität in der Erschaffung etwas Neuem, was sehr selten in der Philosophie vorkommt.[17] Schelers Dekonstruktion der philosophischen Vorstellungen über den Menschen war zu seiner Zeit notwendig und überfällig. Die gesamte philosophische Anthropologie baut auf Schelers Forschung auf und hat eine hoch philosophisch geschichtliche Bedeutung. Dies gab auch Gehlen zu.[18] Dabei waren Schelers Schriften immer etwas Dynamisches, voller unvollendeter Gedankengänge, die bewusst so angelegt waren, damit Leser*innen wie auch Scheler selbst weiter denken konnten.[19] Scheler war es wichtig, die Aktualität in sein Denken mit einzubeziehen, denn nur dann könne Philosophie die Realität behandeln und verstehen.[20] Diese Aktualität macht die Philosophie und auch Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ angreifbarer[21], allerdings sind genau solche Arbeiten wichtig um die Philosophie weiterzuentwickeln.

Max Schelers philosophische Anthropologie hat nichts an dieser Aktualität eingebüßt. Die Frage nach der Stellung des Menschen ist sogar noch aktueller denn je. Oder besser ausgedrückt: Die Menschen werden sich in nicht allzu ferner Zukunft dieser Frage wieder stellen müssen. Scheler wollte wissen, was den Menschen von anderen Lebensformen, grob vereinfacht von Pflanzen und Tieren, unterscheidet. Die aktuelle und zukünftige Menschheit muss diesen Vergleich mit potenziellen „neuen“ Lebensformen durchführen.  Dabei geht es weniger um eine Einzigartigkeit des Mensch, sondern vielmehr darum, ab wann etwas ein Mensch/menschähnlich  ist und ab wann nicht mehr.  Den Status „Mensch“ zu haben, hat gesellschaftlich große Auswirkungen und ist mit vielen Rechten wie auch Pflichten verbunden. „Neuen“ bzw. potenziellen Lebensformen dies ab- bzw. zuzusprechen hat unter anderem moralische und rechtliche Konsequenzen.  Wie sehen diese „neuen“ oder potenziellen Lebewesen aus? Dabei ist die Definition des Begriffes Lebewesen eher zweitranging. Es geht um (mögliche) Konstrukte, welche potenziell menschenähnlich sein können. Dies beinhaltet von Menschen geschaffene anorganische „Wesen“ wie Roboter, Androiden und Computer. Zwar kann ihre Zusammensetzung aus anorganischem Material als Argument gegen ihrer Einteilung als Lebewesen genutzt werden, aber wenn die Bestandteile aus organischen Material[22] geschaffen werden, wird deutlich wie schwach und schwierig eine solche Unterscheidung zu Lebewesen ist. Diese Unterscheidung könnte sein, das diese von Menschen geschaffen sind, aber auch dieses Argument ist haltlos, wenn die Klon-Thematik betrachtet wird. Zwar werden Klone bis jetzt auch geboren, was sie zu Robotern etc. unterscheiden, aber die Entwicklung künstlicher „Gebärmütter“ wird auch dies verändern können.[23] Ist ein geklonter Mensch ein Mensch, auch wenn er nicht natürlich geboren wurde? Noch schwieriger wird die Fragestellung bei Cyborgs, also Menschen die künstliche Bestandteile haben, Mensch-Maschinen Hybride. Bei Herzschrittmachern oder Cochlea Implantaten wird die Definition als Mensch noch nicht hinterfragt, aber wo ist die Grenze? Ab wie viel Prozent künstlichen Anteilen handelt es sich nicht mehr um einen Menschen? Wie verhält es sich wenn die künstlichen Bestandteile aus organischem Material mit Hilfe eines 3D-Druckers entstanden sind?[24] Wie sieht es mit potenziellen Lebewesen aus, erschaffen vom Menschen, die körperlos sind bzw. deren Körper austauschbar oder so vielteilig sind, dass eine direkte Zuordnung zu einer festen Hülle nicht möglich ist? Beispiele dafür sind künstliche Intelligenzen oder Computernetzwerke (Programme). Die letzte zu untersuchende Gruppe ist die, der nicht vom Menschen erschaffenen potenziellen Lebewesen. Diese könnten auch unbekannte irdische Lebewesen sein, deren Existenz sehr unwahrscheinlich ist. Die Existenz außerirdischen Lebens, auch intelligenten Leben, hingegen ist mathematisch sehr wahrscheinlich, auch wenn ein wirklicher Kontakt in absehbarer Zukunft nicht stattfinden wird.[25] Aber ab wann würden den sogenannten Aliens Menschenrechte zugesprochen? Mit dem heutigen Wissen über den Kosmos, dem technischen Fortschritt und Überlegungen über potenzielle Entwicklungen, wird die Frage darüber, was den Menschen auszeichnet wieder aktuell. Die Kontroverse, ab wann ein Lebewesen Mensch(ähnlich) ist oder es den Status „Mensch“ verliert, ist eine schwere. Max Schelers Überlegungen zur Sonderstellung des Menschen kann ein Zugang zur Auflösung dieser sein.

Die Konsequenzen des Gewinns oder dem Verlust der Zuordnung als Mensch(ähnlich) werden nicht betrachtet, sondern welche Kriterien erfüllt werden müssen, damit potenzielle oder „neue“ Lebewesen Anteil haben an der Sonderstellung des Menschen. Ausgeklammert wird auch die Diskussion wie diese Lebewesen diese Kriterien erfüllen können.

 

Metaphysik und philosophische Anthropologie: Die Welt des Menschen

 

Max Scheler folge der zweiten möglichen Konsequenz der Widerlegung der Menschenbilder, nämlich die erneute Untersuchung der Unterschiede der Lebewesen. Dabei versuchte er den kleinsten gemeinsamen Nenner, welcher alles Leben teilt, zu finden. Dies fand er am deutlichsten in der Pflanze.[26] Er erkannte dabei, dass es verschiedene Stufen des Lebendigen gibt. In der ersten ist charakterisierend der Gefühlsdrang, dort existieren kein Bewusstsein, keine Vorstellungen oder ähnliches. Dort kann nur die Fortpflanzung und das Wachstum beobachtet werden. Diese Stufe ist die Grundlage alles Lebendigen. Stufe zwei ist der Instinkt. Hier ist das angeborene und vererbte Verhalten, welches zu Arterhaltung dient, angesiedelt. Diese Stufe erreichen alle Tiere. Die dritte Stufe, dem assoziativen Gedächnis, findet sich nur bei höheren entwickelten Tieren. Hier  werden Gewohnheiten entwickelt die das Leben erleichtern. Das Verhalten verändert sich anhand von „Feedback“. Das Prinzip von „Trial and Error“ wird vom Lebewesen angewendet. Die letzte Stufe ist die der praktischen Intelligenz. Dort kommt es zu sinnvollen Reaktionen auf neue Situationen. Auch die Wahlfreiheit ist hier angesiedelt.[27] Der Mensch hat all diese Stufen des Lebendigen, ist aber selbst auf der letzten nicht alleine. Auch andere hoch entwickelte Säugetiere haben praktische Intelligenz. Eine Sonderstellung kann davon nicht abgeleitet werden.[28]

Die Unterscheidung sieht Scheler darin, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist welches nicht nur eine Umwelt besitzt, sondern auch eine Welt. Das Tier hingegen ist „Umweltgebunden.“[29] Der Mensch kann sich, im Gegensatz zum Tier, von seiner eigener Umwelt und seinen Trieben lösen.[30] Diese Fähigkeit nennt sich die „Weltoffenheit“ des Menschen. Sich von der Abhängigkeit des organischen Körper zu lösen.[31] Dies ist der Punkt bei dem Schelers philosophische Anthropologie in die Metaphysik übergeht. Die „Stellung des Menschen im Kosmos“ ist somit auch Teil Schelers Metaphysik.[32] Gehlen kritisiert den Einfluss der Metaphysik in Schelers Gedanken.[33] Paul Good sieht diese Kritik als haltlos, besonders weil Gehlen nicht argumentativ belegt, warum die philosophische Anthropologie ohne Metaphysik auskommen müsse und warum die Metaphysik Schelers Gedankenmodell in diesem Fall schaden würde.[34] Der Mensch kann sich nämlich die Natur vergegenständlichen. Somit kann er sich selbst nicht mehr als Teil dieser betrachten.[35] Das Zentrum muss somit außerhalb des Lebens liegen.[36] Dies ist nach Scheler das Personenzentrum, welches selbst gegenstandsunfähig ist und das Aktzentrum des Geistes.[37]

Geist ist für Scheler mehr als nur Intelligenz, Vernunft und ähnliches, obwohl all diese Teile davon sind.[38] Der Geist ist für ihn das Spezifische des Menschen[39] Dieser besteht aus Geist und den vier Stufen des Lebendigen, dem Drang. Dies muss aber als Einheit gesehen werden und nicht als Zusammenspiel zweier einzeln zu betrachtender Teile.[40] Den Dualismus nach Descartes lehnt Scheler ab.[41] Der Drang ist notwendig für den Menschen als Antrieb für den Geist.[42] Der Geist hat aus sich heraus keine Kraft und ist machtlos. Mit Hilfe der Sublimierung, eine indirekte Lenkung des Dranges, kann der Geist aktiv werden.[43] Die Metaphysik Schelers philosophischer Anthropologie ist aber nur bedingt notwendig für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, und deswegen wird der Exkurs in diese nicht weiter vertieft.

Wichtiger sind die Konsequenzen aus der Existenz des Geist, welches den Menschen und das Tier unterscheidet, also die Suche nach den Monopolen des Menschen.[44] Der Mensch ist fähig zu einem geistigen Interesse, besitzt somit eine Art Neugier.[45] Er kann auch seine eigenen Zustände vergegenständlichen, hat ein Selbstbewusstsein. Das Tier kann eigene Zustände zwar wahrnehmen, dies passiert aber nicht bewussst.[46] Eine aufgezeichnete Geschichte ist nur bei dem Menschen bekannt und möglich. Dies ist bei Scheler die Unterscheidung von Tradition und Überlieferung. Ersteres trifft auch bei Tieren auf und benötigt keine geistige Abstraktion. Die Überlieferung hingegen ist ausschließlich menschlich.[47] Sich von sich selbst lösen beinhaltet auch die Möglichkeit insgesamt sich vom Leben zu lösen. Diese Fähigkeit fehlt dem Tier. Es muss immer das Leben und somit auch das Leiden bejahen. Als einziges bekanntes Lebewesen kennt der Mensch den Selbstmord.[48] Der Mythos sich kollektiv umbringender Lemminge ist zwar weitverbreitet, aber widerlegt.[49]

 

Die Sonderstellung des Alien

 

Die Sonderstellung des Menschen im Kosmos ist eine vorrübergehende. Scheler stellte sich die Frage weiterer Lebewesen kaum. Aber er lehnte auch nicht die Existenz weiterer Geisterwesen ab. Selbst seine Definition des werdenden Gottes basiert auf dieser Einteilung.[50] Die Einzigartigkeit des Menschen ist nur zeitlich beschränkt bis wir weitere Lebewesen entwickeln oder kennenlernen, die auch Geist und Drang in sich vereinen. Scheler lehnte eine Definition des Menschen ab. Es ist sogar unmöglich. Er geht so weit, dass ein definierter Mensch keine Bedeutung hätte.[51] Somit entkoppelte er das Menschsein teilweise von der Entstehung und der Zusammensetzung des Körpers. Ein Mensch muss nicht natürlich geboren oder 100 Prozent organisch sein um als Mensch zu gelten. Ein Klon ist somit immer ein Mensch, auch aus einer künstlichen Gebärmutter. Der Cyborg hingegen ist ein wenig schwieriger, da der Geist nicht körperlich verortbar ist. Der Austausch der meisten Körperteile oder Organe, wie auch die mechanischen Erweiterungen, sollte aber Drang und Geist nicht gefährden. So kann jeder heute existierende und fast alle potenziellen Cyborgs Menschen genannt werden. Bei Robotern und Computern stellt sich die Frage, ob sie Menschen sind nicht, aber doch, ob sie menschähnlich sein können. Aber selbst diese ist verfrüht. Zunächst müssen diese nämlich nach Scheler lebendig sein um überhaupt den notwendigen Drang zu haben. Lebendig ist etwas schon, wenn der Gefühlsdrang existiert, also auch eine Fortpflanzung und Wachstum. Um einen menschenähnlichen Drang haben zu können, müssen aber noch die anderen drei Stufen des Seins erreicht werden. Roboter und Computer brauchen somit Instinkt, assoziatives Gedächtnis und praktische Intelligenz und erst dann kann die Frage der „Weltoffenheit“ gestellt werden. Bei Androiden ist dies auch der Fall. Hier ist die Problematik, dass es sich hier um Roboter handelt, welche dem Menschen nacherfunden werden. Die Grenze zum Menschen kann hier verschwimmen, besonders wenn der Android organische Bestandteile hat. Cyborgs und Androiden können dann nur noch anhand ihres Ursprungs unterschieden werden. Aber ob Androide nur menschähnlich oder doch auch Mensch sein können, ist mit Schelers philosophischen Anthropologie nicht zu beantworten. Ob und wie weit künstliche Intelligenzen, Programme oder Netzwerksysteme als potenziell menschähnlich gesehen werden können, wird auch mit Scheler nur unzureichend beantwortet. Die ausschlaggebende Fähigkeit, welche den Menschen zum Geisteswesen macht, ist das Lösen von der Abhängigkeit des Körpers. Zwar besitzt diese Gruppe potenzieller Lebewesen „Körper“, diese sind aber sehr austauschbar und beliebig erweiterbar. Ob es hier zu einem körperbezogenen Drang kommen kann ist fraglich. Da ein Geist aber ohne Drang nicht existieren kann, ist es nach Scheler dann nicht möglich sie als menschähnlich zu verstehen. Scheler würde ihnen dann auch jegliche Lebendigkeit absprechen. Unbekannte irdische und außerirdische Lebewesen wären per Definition schon mindestens auf der Stufe des Gefühlsdrangs. Auch die restlichen Stufen sind universal gedacht. Das auf einem Planeten eine der Stufen ausgelassen wird oder neue Stufen hinzukommen, ist schwer vorstellbar. Ob Aliens sich von der Welt lösen können und eine Einheit von Geist und Drang bilden, kann ohne Kommunikation mit ihnen nur Anhand von Beobachtungen erahnt werden. Zeigen sie eine geistige Neugierde bzw. betreiben Forschung? Existiert bei ihnen ein Selbstbewusstsein? Dies gäbe ihnen die Fähigkeit ihren eigenen Zustand zu beschreiben und zu deuten. Besitzen sie eine Überlieferung und nicht nur Traditionen? Schriftzeichen oder auch Kunst wären sichtbare Kennzeichen dafür. Tritt bei den Alien das Phänomen der Selbsttötung, also die Verneinung von Leben und Leiden auf?

Martin Heidegger, ein nicht gerade unbekannter Philosoph, hielt zu Beginn des Sommersemesters 1928 vor seiner Vorlesung einen Nachruf auf Max Scheler. Er trauerte um einen Menschen, aber auch um einen großen, außergewöhnlichen Philosophen, dessen Wesen unter anderem durch die Totalität seines Fragens, aber auch der Witterung für neu aufbrechende Möglichkeiten geprägt war.[52] Scheler selbst sah das Menschenbild wahrscheinlich nicht bedroht durch andere oder potenzielle Lebewesen, trotzdem  kann seine philosophische Anthropologie in diese Diskussion angewandt werden. Dies lässt die Genialität und Aktualität Schelers Philosophie erkennen und lässt einen auch heute noch seinen frühen Tod bedauern. Es zeigt aber auch, dass Heideggers Einschätzung am Ende seines Nachrufs falsch war. Er sah den Rückfall eines Weges der Philosophie ins Dunkel, aber selbst heute kann Scheler den Weg zu neuer Erkenntnis leuchten.

Scheler lag aber unwissentlich mit dem Titel seines Buches daneben. Es ist nämlich mit dem Aliensein so ähnlich wie mit dem Status als Ausländer, fast überall ist jeder Mensch einer.

[1] Vgl. Max, Scheler,  2010: „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ Nach der 3. Durchges. Auflage 1995 der Gesammelten Werke Bd. IX, Manfred Frings (Hrsg.), Bonn: Bouvier,  S. 7.

[2] Vgl. Hans Joachim, Schoeps, 1975: „Die Stellung des Menschen im Kosmos“, in Max Schler – Im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, S. 189-197, Paul Good (Hrsg.), Bern: Francke, S. 190;

Manfred, Frings, 1981: „Max Scheler: Drang und Geist“, in Grundprobleme der großen Philosophen – Philosophie der Gegenwart II, 2. Ergänzte Auflage, S. 9-42, Josef Speck (Hrsg), Göttinggen: VTB Vandenhoeck & Ruprecht, S. 15;

Heinz, Leonardy, 1994: „Es ist schwer, ein Mensch zu sein – Zur Anthropologie des späten Scheler“, in Phänomenologische Forschung 28/29  Studien zur Philosophie von Max Scheler – Internationales Max Scheler Colloquium: Der Mensch im Weltalter des Ausgleich – Universität zu Köln 1993, S. 70-93, Ernst Wolfgang Orth und Gerhard Pfafferott (Hrsg.), Freiburg/München: Karl Alber, S. 72.

[3] Vgl. Angelika, Sander, 2001: „Max Scheler – zur Einführung“, Hamburg: Junius, S. 8 & S. 119,

Hein, Von Alemann, 1994: „Helmut Plessner, Max Scheler und die Enstehung der Philosophischen Anthropologie in Köln – Eine Skizze“, in Phänomenologische Forschung 28/29  Studien zur Philosophie von Max Scheler – Internationales Max Scheler Colloquium: Der Mensch im Weltalter des Ausgleich – Universität zu Köln 1993, S. 10-34, Ernst Wolfgang Orth und Gerhard Pfafferott (Hrsg.), Freiburg/München: Karl Alber, S.10 -11.

[4] Vgl. Sander S. 120

[5] Vgl. Ram Adhar, Mall, 1994: „Schelers Idee einer werdenden Anthropologie und Geschichtsteleologie“, in Phänomenologische Forschung 28/29  Studien zur Philosophie von Max Scheler – Internationales Max Scheler Colloquium: Der Mensch im Weltalter des Ausgleich – Universität zu Köln 1993, S. 35-69, Ernst Wolfgang Orth und Gerhard Pfafferott (Hrsg.), Freiburg/München: Karl Alber, S. 36 – 37;

Paul,  Good, 1998: „Max Scheler – Eine Einführung“, Düseldorf/Bonn: Parerga, S. 81.

[6] Vgl. Mall S.36.

[7] Vgl. Sander S. 122, Schoeps S. 190.

[8] Vgl. Sander S.123.

[9] Vgl. Leonardy S. 77.

[10] Vgl. Schoeps S. 190.

[11] Vgl. Sander S. 123.

[12] Vgl. Sander S. 124.

[13] Vgl. Good S. 51.

[14] Vgl. Sander S. 126.

[15] Vgl. Sander S. 128.

[16] Vgl. Sander S. 125.

[17] Vgl. Gehlen S. 184.

[18] Vgl. Gehlen S. 188.

[19] Vgl. Paul, Good , 1975: „Vorwort“, in Max Scheler – Im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, S.  7-8, Paul Good (Hrsg.), Bern: Francke, S. 7.

[20] Vgl. Leonardy S. 92.

[21] Vgl. Sander S. 12.

[22] Ein Beispiel wäre: Ayleen, Schweiß, Cyborg mal anders: Roboter mit organischen Muskeln, heise online, 19 Juli  2016, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Cyborg-mal-anders-Roboter-mit-organischen-Muskeln-3272431.html, Zuletzt Aufgerufen am: 30.09.2016

[23] Vgl. Marie, Mandy, Die künstliche Gebärmutter – Maschine statt Mama, arte, Frankreich 2010, https://www.youtube.com/watch?v=bVh35pDmvp0, Zuletzt Aufgerufen am: 30.09.2016.

[24] Dennis Kluge, Revolution in der Medizin? Das Herz aus dem 3D-Drucker, n24.de, 22 November  2013, http://www.n24.de/n24/Wissen/Gesundheit/d/3881284/das-herz-aus-dem-3d-drucker.html , Zuletzt Aufgerufen am: 30.09.2016

[25]Florian Freistetter, Wie wahrscheinlich ist die Existenz von Aliens?, scienceblogs, 28 September 2013, http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2013/09/28/wie-wahrscheinlich-ist-die-existenz-von-aliens/, Zuletzt Aufgerufen am: 30.09.2016

 

[26]Jan H., Nota S. J., 1995: „Max Scheler Der Mensch und seine Philosophie“. Friedingen a.D.: Börsig. S. 166.

[27] Mall S.  49 -50, Good 52 -53, Nota S. 166-167

[28] Mall S. 50, Schoeps S. 190, Good S. 52.

[29] Vgl. Mall S. 51, Nota S. 167.

[30] Vgl. Sander S. 132, Schoeps S. 191.

[31] Vgl. Sander S. 137, Mall S. 51 & 53;

Arnold, Gehlen, 1975: „Rückblick auf die Anthropologie Max Schelers“, in Max Scheler – Im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, S. 179-188, Paul Good (Hrsg.), Bern: Francke, S. 184.

[32] Vgl. Sander S. 135; Gehlen. S. 179.

[33] Vgl. Gehlen S. 179 & 180.

[34] Vgl. Good S. 51-52.

[35] Vgl. Sander S. 137, Mall S. 53, Gehlen S. 182 -183.

[36] Vgl. Mall S. 51, Gehlen S. 180.

[37] Vgl. Mall S. 52, Nota S. 170, Frings S. 12, Schoeps S. 191, Good S. 53.

[38] Vgl. Mall S. 51, Schoeps S. 190.

[39] Vgl. Mall S.51.

[40] Vgl. Sander S.138, Leonardy S.89.

[41] Vgl. Leonardy S.88, Sander S. 129, 130 & 136, Good S. 51, Frings S. 27.

[42] Vgl. Leonardy S. 87, Gehlen S. 181, Nota S 168, 170 & 171.

[43] Vgl. Good S. 52 – 54.

[44] Vgl. Sander S. 140.

[45] Vgl. Sander S.140, Gehlen S. 185.

[46] Vgl. Mall S. 53, Nota S. 167.

[47] Vgl. Gehlen S. 187.

[48] Vgl. Nota S. 172, Gehlen S. 183 & 185, Schoeps S. 191 -192.

[49] Kollektiver Selbstmord der Lemminge: Disney-Erfindung oder Tatsache?, daswissenblog.de, http://www.daswissensblog.de/kollektiver-selbstmord-der-lemminge-disney-erfindung-oder-tatsache//, Zuletzt Aufgerufen am: 30.09.2016.

[50] Vgl. Leonardy S. 71.

[51] Vgl. Sander S. 137.

[52] Vgl. Martin, Heidegger, 1975: „Andenken an Max Scheler“ Nachruf von 21. Mai 1928, in Max Scheler – Im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, S.  9, Paul Good (Hrsg.), Bern: Francke.

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