Brief an Ulrike

Liebe Ulrike,

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich sonst keine Möglichkeit habe mit dir zu reden. Ja, Ich weiß, ich rede nun auch nur mit mir selbst, aber das ist doch egal. Dir ist es auf jeden Fall egal. Seit du weg bist hat sich viel verändert und irgendwie ist auch alles gleich geblieben. Die Menschen sind immer noch dumm und ich habe auch immer noch nicht meinen Bachelor. Ich „arbeite“ zwar schon an dem zweiten aber noch nicht intensiv genug. Das erste habe ich irgendwie aufgegeben. Ich bin kein Politiker mehr. Ich bin nur noch Politikwissenschaftler und das bin ich auch noch nicht richtig. Ich bin aus gutem Grund vor einem Jahr aus der Piratenpartei ausgetreten, innerlich war ich ja Monate lang kein Mitglied mehr. Aber ich habe es dann erst gemacht, weil du mich erkennen lassen hast, dass alles aufschieben einfach nichts bringt. Immer wieder hast du gesagt, ich soll den Haufen endlich hinter mich lassen. Und immer wieder sagte ich: „Warte noch, ich will dazu noch was schreiben“ Aber ich schrieb einfach nichts, wie typisch für mich die letzten Jahre. Ja, dazu will ich was schreiben und das möchte ich noch ausarbeiten. Und was passiert? Nichts. Mein Blog ist seit Jahren nur noch ein Platz wo ich meine Uniarbeiten veröffentliche. Und selbst da bin ich inkonsequent. Hier liegt immer noch ein Bericht über meine Ukraine-Exkursion. Der Text ist sogar Korrektur gelesen und mit Bildern. Immer noch nicht hochgeladen. Ich konnte dir ja leider nicht mehr davon erzählen, das waren beeindruckende zwei Wochen. Aber auch so habe ich das letzte Jahr viel gesehen. Ich habe ein Auslandssemester in Slowenien hinter mir und war in Kroatien, Bosnien und in Bulgarien. Mit der Ukraine-Erfahrung zusammen haben mich diese „Reisen“ weiter gebracht. Ich fühle mich mit meinem Studienschwerpunkt nun wohler und ich glaube auch, dass ich nun vieles besser verstehe. Selbst mein Bachelorarbeitsthema hängt nun damit zusammen. Ich werde über den Völkermord in Bosnien schreiben. Ein schweres Thema, da es für mich unbegreifbar ist, dass es so kurz nach der Schoah innerhalb Europas wieder zu so etwas kommen konnte. Ich bin mir sicher du könntest mir viel dazu erzählen, du warst ja damals schon voll im Leben und politisiert. Ich war noch nicht mal in der Schule. Oft habe ich das Gefühl, dass ich viel zu wenig weiß über dein Leben, obwohl wir doch viel in den letzten Jahren gesprochen haben. Ich glaube, da wäre noch so viel spannendes was ich nun nie erfahren werde. Ich habe immer das Gefühl du hättest so viel „erfolgreicher“ sein können, aber du standst dir so oft im Weg. Ich glaube da ähneln wir uns, nur, dass du halt einfach ein sehr zynischer  Mensch warst. Aber du hast trotzdem immer an eine Zukunft geglaubt. Du hast bis zum Ende für Frauenrechte gekämpft. Du warst eine unglaubliche Feministin und du hast mich auch viel beeinflusst. Aber dies war ja nie „unser“ Thema. Es war das Bedingungslose Grundeinkommen. Wir machten uns in den letzten Jahren zu Experten*innen und ich träumte ja schon mit dir ein Buch darüber zu schreiben… Ja, dazu ist es halt doch nicht gekommen. Schon wieder das mit dem allen aufschieben. Tolle Ideen bringen halt einfach nichts, wenn sie nicht umgesetzt werden (oder wenigstens versucht werden). Das mit dem BGE ist irgendwie echt im Trend. Immer mehr Menschen haben davon gehört und immer mehr Menschen setzten sich dafür ein. Und unsere Facebookseite bekommt auch immer mehr likes. Nur posten wir nichts darauf. Wir? Ja Erich und ich. Erich ist nun Vater und immer noch in Wien. Ich habe ihn auch ewig nicht mehr gesehen. Ich glaube aber, dass es ihm gut geht. So ist es aber irgendwie mit vielen der (Ex-)Piraten. Irgendwie waren sie so lange fester Bestandteil meines Lebens und nun sehe ich viele einfach sehr selten. Ich weiß du mochtest einige nicht und besonders deine Kritik hat so oft zugetroffen. Ich denke immer noch an die tollen Zeiten zurück, aber ich glaube es ist auch ganz gut dass es vorbei ist. Aber ohne die Piraten wäre ich nicht der Mensch der ich bin. Und ohne sie hätte ich auch nie angefangen mit dir zu arbeiten. Wieder zurück zum BGE. Ich mache überhaupt nichts mehr in diese Richtung. Ich finde nicht die Motivation, nicht die Partner*innen und auch irgendwie nicht die Zeit. Ich nehme mir es schon vor es nochmal in die Hand zu nehmen. Aber ich glaube das wird einfach nicht passieren. Ich will mir auch schon seit langem mal die Grünen und die Linkspartei näher und live anschauen. Ich hadere aber immer noch mit diesen Schritt. Weil ich mich weder entscheiden kann noch glaube, dass ich Zeit haben werde wieder politisch aktiv zu werden. Am liebsten würde ich immer noch eine Partei gründen. Aber es gibt keine Aufbruchsstimmung, nicht dieses eine Momentum was so wichtig ist. Und ja Parteigründung ist halt auch ein scheiß Job. Und da müsste eins ja mal wieder was tun und nicht nur reden. Vielleicht braucht die Welt mich als Politiker auch einfach nicht. Wenn wir schon bei Parteien und Politik sind: Die AFD gibt es immer noch und sie ist auch noch viel beschissener. Damals waren sie ja ein undefinierter Haufen von konservativ über nationalistisch bis hin zu neoliberal. Jetzt sind sie weniger neoliberal, dafür aber mehr offen rassistisch. UND sie sind echt erfolgreich mit der Scheiße. Ich dachte, so blöd können die Menschen doch nicht sein, aber es lassen sich so viele aufhetzen. Dich würde es sicher freuen, dass es mal wieder hauptsächlich alte Männer sind, aber eigentlich ist das gar nicht so lustig. Ich werde ja auch mal ein alter Mann. Auch so ist es in der Welt ziemlich erschreckend. In Österreich haben fast 50% der Wähler*innen einen FPÖ-Kandidaten gewählt, Donald Trump hat wirklich realistische Chancen Präsident der USA zu werden und auch sonst so scheinen Demokraten*innen auf der ganzen Welt zu denken: Scheiß auf Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Toleranz, Bildung, Arme, Umweltschutz, Wissenschaft, Logik, Solidarität und und und…. Die Demokratie versucht vieler Orts sich selbst abzuschaffen. Soweit sind wir in Deutschland noch nicht und ich habe auch keine Angst, dass dies passiert. Aber ich war ja schon viel zu oft viel zu optimistisch. Der Krieg in Syrien und Irak geht immer noch weiter und immer noch sterben täglich Menschen. Aber nicht nur wegen Assad oder dem IS. Auch wegen der Türkei, die angebliche kurdische „Terroristen“ im eigenen Land aber auch in Syrien bombardiert. Es herrscht ein türkischer Bürgerkrieg und als Verbündete sehen wir zu. Klar, es wird schon immer mal ein mahnendes Wort eines*r deutschen Politiker*in an Erdogan und Co. Geschickt, aber diese Worte gibt es ja schon seit Jahren auch an China oder Saudi Arabien. Und da ändert sich auch nichts. Ich bin froh, dass ich kein Diplomat bin. Entweder müssen die alle kein Rückgrat oder Meinung haben, oder sie denken sie arbeiten für ein höheres Ziel. Den Frieden. Ach diese tödlichen Kompromisse. Du hast sie auch gehasst. Zurück zum Sterben. „Wir“, also die europäische Union, engagieren uns da auch ganz gut in diesem Feld.  Wir schaffen keine (kaum) legalen Wege um Menschen auf der Flucht eine Möglichkeit zu geben Schutz  bei uns zu suchen. Sie ertrinken zu tausenden auf ihren „illegalen“ Überquerungen durch das Mittelmeer. Und wenn sie dann da sind? Fast überall nur Hass und Missgunst. Aber ich treffe immer mehr Menschen, die sich einsetzten. Für eine Welt, die dir auch gefallen würde. Diese Menschen machen großartige Arbeit überall in Europa und auch vieler Orts in Deutschland. Selbst in einem so kleinen Ort wie in Bad Abbach helfen viele den Geflüchteten. Auch meine Eltern machen wirklich viel. Sie waren beide die letzten Jahre nicht wirklich gesellschaftlich aktiv und es ist sehr beeindruckend was sie alles leisten. Ich besuche manchmal den wöchentlichen Stammtisch und habe schon ein paar syrische Freunde. Aber mehr mache ich auch hier nicht. Ich sage immer ich darf auch mal Pause machen. Diese Pause dauert nun halt schon einige Jahre und ich verstehe langsam dieses in das Private zurückziehen. Es ist halt einfacher, schöner und so viel entspannter. Es wird halt einfach nichts besser. Irgendwie beschwere ich mich nur. Aber das zeigt ein falsches Bild. Eigentlich geht es mir ziemlich gut. Ich bin immer noch jung. Soweit ich weiß gesund. Ich habe noch genug Haare am Kopf und mein Körper kann ich immer noch ganz gut anschauen. Auch habe ich das letzte Jahr viele neue tolle Menschen kennen gelernt. Begegnungen die ich nicht missen möchte. Ich habe natürlich immer noch Menschen, die ich schon lange in meinem Leben und Herzen habe. Ich bin jeden Tag wieder froh, dass sie existieren und dass sie Zeit mit mir verbringen. Natürlich habe ich nicht für alle die Zeit, die sie verdienen würden, aber ich versuche mein bestes. Auch wenn es nur einmal alle paar Monate zum Kaffee reicht. Mit dir kann ich kein Kaffee mehr trinken. Heute auf den Tag genau bist du überraschend gestorben. Es hat lange gedauert bis ich es wirklich verstanden habe. Heute noch fällt es mir schwer es wirklich zu fassen. Du bist weg. Für immer. Natürlich macht es mich traurig. Ich bin aber auch froh. Froh dich kennen gelernt zu haben. Froh zu wissen, dass du so viele Menschen beeinflusst hast. Froh, dass wir viel gemeinsam erreicht haben. Ich finde es schade, dass so wenige deine Genialität erfasst haben und du der großen Masse unbekannt bist. Leider kann ich einer Toten nichts versprechen, aber normalerweise kann eins auch einer Toten keinen Brief schreiben. Deswegen ist es auch egal. Ich verspreche dir ich werde nicht aufgeben. Ich werde weiter machen, an deinen und meinen Idealen arbeiten. Ich werde alles tun damit du nicht vergessen wirst. Ich werde nicht perfekt sein und ich werde Fehler machen, aber ich denke, dies ist auch in deinem Sinne. Danke Ulrike für all das du getan hast und all jenes welches du noch gerne gemacht hättest.

 

Dein Jan

 

PS: Vielleicht haben wir als Atheisten ja Unrecht und es gibt so etwas wie ein übersichtliches Sein. Oder du bist wie Elvis von Aliens entführt. Beides wäre schön aber das sind ja Märchen immer

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