Trans* Prekariat – Die Bedrohung von Menschen mit Trans* Hintergrund durch Prekarisierung

1.      Einleitung

Jedes Jahr wird in jeder größeren Stadt Deutschlands der Christopher Street Day, kurz CSD, gefeiert. Von LSBTTIQ[1] Netzwerken organisiert, gehen tausende Menschen für Vielfalt und Toleranz auf die Straße. Dabei werden aber nicht alle teilnehmenden Gruppen gleichmäßig wahrgenommen. Besonders Menschen, welche oft als  „transgender“ oder „transsexuell“ eingeordnet werden, haben oft den Eindruck, dass ihre Probleme und Themen vernachlässigt werden. [2] Dabei sind ihre individuellen Lebenswege mit Hürden versehen, mit denen homosexuelle Menschen nicht mehr oder noch nie konfrontiert wurden. Grundlegend dafür ist, dass „Transidentität“ immer noch als Krankheit im SGB V angesehen wird. Dies ist zwar die Grundlage dafür, dass Diagnose, Therapie und medizinische Behandlung von den Krankenkassen übernommen werden[3], gleichzeitig ist es aber auch Ursprung vieler Missstände, die das Leben Betroffener schwieriger gestalten. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates ging auf diese Missstände 2015 in der Resolution Nr. 2048 ein. Sie wies darauf hin, dass in Europa Menschen mit einem Trans* Hintergrund durch Mehrfachdiskriminierungen in der Gesamtgesellschaft, in der Arbeitswelt, aber auch im Privatleben schlechter gestellt sind als andere. Auch hier wurde die Definition als Krankheit als Grundproblem eingeschätzt, zudem führen die Fehleinschätzung und Unterschätzung der Situation dazu, dass praktisch keine Aufmerksamkeit für das Problem existiert.[4]

Betroffene berichten häufig von Unsicherheiten, während und nach dem Outing in verschiedenen Lebensbereichen. Viele davon könnten unter den soziologischen Begriff der Prekarität fallen. Diese Arbeit möchte sich damit beschäftigen, ob und wie weit die Situation von Menschen mit Trans* Hintergrund als prekäre Lebenslage eingeschätzt werden kann. Die zentrale Frage lautet: „Sind Menschen mit einem Trans* Hintergrund von Prekarität stärker betroffen?“

Zunächst wird versucht eine begriffliche Abgrenzung zu schaffen, welche Menschen in die Untersuchungsgruppe fallen, sowie, warum welche Begriffe genutzt und andere dagegen nicht genutzt werden. Im theoretischen Teil wird auf das Phänomen der Prekarität eingegangen und gezeigt, dass es mehr als nur eine Beschreibung einer wirtschaftlichen Lage eines Menschen ist. Anhand dieser Definitionen wird dann in der Analyse der Forschungsfrage nachgegangen. Dabei werden quantitative und qualitative Untersuchungen, aber auch individuelle Berichte von Betroffenen ausgewertet.

Es zeigt sich nämlich, dass sich die Lebenswege deutlich unterscheiden und Verallgemeinerungen nur schwer möglich sind. Trotzdem gibt es viele Gemeinsamkeiten, was die Probleme in der Gesellschaft angeht. Es wird sich zeigen, dass wir weit davon entfernt sind, Menschen, die sich der heterosexuellen Matrix entziehen, gleichwertig zu behandeln und dass insbesondere Menschen mit Trans* Hintergrund die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erheblich erschwert wird. Ausgrenzungen und Diskriminierungen sind alltäglich und passieren bewusst und unterbewusst. Das Aufzeigen dieser Diskriminierungen bedeutet,  Aufmerksamkeit zu erzeugen und ist somit einer der ersten Schritte, die Diskriminierungen abzubauen. Diese Arbeit soll dazu beitragen.

 

2.      Begriffliche Abgrenzung

In der Wissenschaft ist es wichtig, die Untersuchungsgegenstände richtig zu benennen, damit die Ergebnisse nachvollziehbar sind und keine Interpretationsfehler entstehen. In den Sozialwissenschaften geht es immer um Menschen und vor allem um Menschengruppen. Hierbei handelt es sich aber nicht um leblose Gegenstände, sondern um selbstständige Individuen, welche unterschiedliche Geschichten und eine unterschiedliche  Selbstwahrnehmung haben. Deswegen sind Grenzziehungen und Typologisierungen von Menschengruppen immer fehlerhaft und potenziell gefährlich, weil von solchen Untersuchungen die Schlussfolgerung gezogen werden könnte, dass es unterschiedliche „Arten“ von Menschen gibt und dass Mensch X aus Gruppe A sich dementsprechend  verhalten soll. Da wir in der Soziologie trotzdem darauf angewiesen sind Menschen einzuordnen, um ihre Situation zu analysieren, müssen wir uns dieser Problematik bewusst werden. Wir müssen jede Klassifizierung hinterfragen und sie kritisch kommentieren. Dabei müssen wir auch darauf achten, keine diskriminierenden, falschen oder vorbelasteten Begriffe zu nutzen. Wenn sich Menschengruppen hingegen eine eigene Bezeichnung gegeben haben, ist dies zu respektieren und dann sind diese Begriffe zu nutzen.

Da Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, in allen Kulturkreisen und auf der ganzen Welt einen Trans* Hintergrund haben können, ist das Zusammenfassen in eine Gruppe sehr schwierig. Alle Lebenssituationen, individuellen Lebenswege und Selbstwahrnehmungen innerhalb eines Begriffs zu vereinen ist unmöglich. Um eine Einordnung trotzdem möglich zu machen, muss man sich mit den genutzten Begriffen auseinandersetzen und klar beschreiben, welcher Begriff genutzt wird und welche Menschen darunter fallen.

Es ist ein Mythos, dass eine „transsexuelle Persönlichkeit“ existiert. Menschen mit einem Trans* Hintergrund sind genauso facettenreich wie alle anderen Menschen. Das, was sie vereint, ist ein anderes Geschlecht zu haben, als dasjenige, welches ihrem Körper bei ihrer Geburt zugeschrieben wurde.[5]

Menschen mit Trans* Hintergrund gab es schon immer, aber der Begriff „Transsexualismus“, und mit ihm die ersten operativen Eingriffe, wurden erst in den 1950er Jahren eingeführt.[6] Es wurde zur Diagnose, die immer im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten gesehen wurde. Dies erwies sich als falsch. Depressionen, Angstentwicklungen und andere psychische Störungen kamen durch die schwierigen Lebensumstände zwar häufiger vor, viele Betroffene waren trotz dieser Schwierigkeiten aber psychisch komplett gesund.[7]

„Ich möchte schon hier das Fazit meiner 35-jährigen Erfahrung mit einer großen Zahl transsexueller Frauen und Männer vorwegnehmen, (…) Nach meiner heutigen Auffassung können wir Transsexualismus nicht als eine Störung der Geschlechtsidentität betrachten, sondern müssen sie als Normvariante ansehen, die in sich, (…) das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit enthält.“[8]

Udo Rauchfleisch, ein emeritierter Professor der klinischen Psychologie und niedergelassener Psychoanalytiker, konnte in seiner ganzen Laufbahn keine Hinweise dafür finden, dass Menschen mit einem Trans* Hintergrund eine psychische Störung haben. Er distanzierte sich von dem Pathologiekonzept, indem er den Begriff Transsexualität ablehnte und den Begriff Transidentität wählte. Er kritisiert im gleichen Atemzug auch die Vorsilbe Trans, da diese „jenseits“ bedeutet und dies eigentlich auch nicht zutreffend ist. [9] Dieser Kritik schließen sich auch viele Betroffene an.[10]

Auch sonst ist der Begriff „Transsexualität“ irreführend, da „Sexualität“ auf eine sexuelle Neigung hindeutet, dies aber damit nichts zu tun hat.[11] Allerdings kritisieren Betroffene auch den Begriff der Transidentität, da sie ihre Geschlechteridentität ja schon seit ihrer Geburt haben und diese nicht wechseln, was unter diesem Begriff aber verstanden werden könnte.[12]

Der aus dem Englischen übernommene Begriff „Transgender“ hat viele Vorteile, da er sich auf den in der englischen Sprache existierenden Unterschied zwischen „gender“ (dem kulturellen Geschlecht) und „sex“ (dem biologischen Geschlecht) bezieht. Im Deutschen gibt es diese Unterscheidung nicht, darum wird „Gender“ oft genutzt, um das kulturelle Geschlecht zu bezeichnen.[13] Der Begriff wird auch verwendet, um so viele Menschen wie möglich zu bezeichnen, also um eine Art fließender Oberbegriff ohne starre Grenzen zu sein.[14] Bei Transgender wird aber komplett die körperliche Komponente ausgeblendet, die bei vielen Betroffenen eine wichtige Rolle in ihrem Selbstverständnis spielt.

Um so vielen Betroffenen wie möglich und ihren unterschiedlichen Lebenssituationen gerecht zu werden, wird häufig auch der Begriff Trans* Menschen genutzt. Dies macht den Eindruck, dass neben Menschen auch Trans* Menschen existieren. Also eine andere menschliche „Rasse“.[15] Weder entspricht das der Realität, noch will dieser Eindruck vermittelt werden.

Viele dieser Begriffe sind exkludierend und aus der Perspektive der heterosexuellen zweigeschlechtlichen Matrix. Sie definieren, was Menschen nicht sind. Sie sind negative Beschreibungen von Menschen, welche nicht in das konstruierte normative Weltbild passen.[16]

Es zeigt sich, dass es keinen Begriff gibt, der hundertprozentig zutreffend ist und mit dem alle Betroffenen zufrieden sind. Da Geschlecht wie auch Sexualität nur Eigenschaften eines Menschen sind, sollte dies auch so verwendet werden. Die Bezeichnung „Mensch mit einem Trans* Hintergrund“ scheint am wenigsten exkludierend und trotzdem eindeutig genug. Die Problematik mit der Wortbedeutung von „Trans“ existiert weiterhin, die Debatte um dieses Wort und alternative Bezeichnungen sollte aber von Betroffenen geführt werden. Der * zeigt, dass es sich hier um keine endgültige Definition handelt, und dass versucht wird, alle Betroffenen einzubeziehen. Betroffene sind Menschen, welche ein anders Geschlecht haben als das, welches ihrem Körper zugeschrieben wurde. Intersexuelle Menschen, also Menschen die nicht mit eindeutigen oder kulturell männlich und weiblich zugeordneten Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, können einen Trans* Hintergrund haben, müssen es aber nicht.

 

3.    Prekarität

Prekär wird oft als ein Phänomen verstanden, das in Westeuropa als überwunden gedacht war: Die Gegenwart von unsicheren Beschäftigungslagen. Doch nicht nur während der weltweiten Wirtschaftskrise und nach den Arbeitsgesetzen, die nach dem Hartz-Konzept entworfen wurden, waren atypische Beschäftigungsformen weit verbreitet. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde ihnen aber erst wieder verstärkt geschenkt, nachdem auch das herrschende „Ernährermodell“, in dem ein Ehemann[17] genug für eine ganze Familie verdient, bedroht wurde und prekäre Beschäftigungslagen auch verstärkt Männer bedrohte.[18]

Nach dem Soziologen Klaus Kraemer muss Prekarität mehrdimensional verstanden werden. Es betrifft die Erwerbsstelle, den Erwerbsverlauf und die Lebenslage. Wenn nur ein Teilabschnitt prekär ist, muss die Gesamtsituation nicht als prekär eingestuft werden. Prekarität nur als negative statistische Abweichung des sozialen „Normalstandard“ zu sehen, würde wiederum nicht alle Fälle einbeziehen. Auch eine subjektiv wahrgenommene prekäre Lage hat negative Auswirkungen auf die Betroffenen.[19]

Um die Situation eines Menschen als prekär einzustufen, müssen die Teilaspekte und die Gesamtsituation im Moment und in der Vergangenheit betrachtet werden. Ebenso müssen die Zukunftsaussichten so gut wie möglich analysiert werden. Dabei gibt es einen Teil, der objektiv bewertet werden kann, obwohl der Vergleich ein normativer ist. Dieser ist die objektive Erwerbslage, auch als Position bezeichnet, und hier kann die „erlebte“ Prekarisierung verordnet werden. Die „gefühlte“ Prekarisierung liegt in der subjektiven Sichtweise und Wahrnehmung. Hier sind Prekarisierungsängste, als die Angst vor einer möglichen prekären Situation, der Auslöser. Dieser Teil betrifft auch Menschen, welche wahrscheinlich nie in eine prekäre Lage kommen werden.[20]

Die objektive Erwerbslage teilt sich in drei weitere Untersuchungsfelder auf: Die eine ist die Erwerbsstelle, dort wo klassischerweise die Ursache der prekären Situation gesehen wird. Diese kann aber auch wieder in zwei Ebenen unterteilt werden, die aber wechselseitig zusammenhängen. Wenn Ebene 1 z.B. als prekär eingestuft wird, kann durch Ebene 2 dieses Defizit ausgeglichen werden. Ebene 1 ist die formale Struktur des Beschäftigungsverhältnisses; hier kann die Situation ganz objektiv eingeschätzt werden. Ist der Vertrag unbefristet? Das Einkommen unstetig? Wie ist der Kündigungsschutz und wie die tariflichen und betrieblichen Rahmenbedingungen? In Ebene 2 geht es um die konkrete Arbeitstätigkeit und die ist sehr subjektiv. Es ist die sinnhaft-subjektbezogene und sozialkommunikative Dimension. Wie zufrieden ist der Mensch mit seiner*ihrer Arbeit, sind seine*ihre Ansprüche in puncto Professionalität erfüllt, können Arbeitsbedingungen mitbestimmt werden und existiert eine Teilhabe an der betrieblichen Vergemeinschaftung? Auch der Zugang zu beruflich-sozialen Netzwerken intern und extern muss in die Bewertung einfließen. Zeigen beide Ebenen Defizite, oder eine sehr starke, kann die Erwerbsstelle als prekär eingestuft werden.[21]

Die Erwerbslage darf aber nicht nur in einem Moment betrachtet, sondern muss als gesamte Erwerbsbiografie gesehen werden. Ist sie langfristig prekär oder ist die jetzige Situation nur eine Ausnahme? Gibt es Zukunftsperspektiven oder ist z.B. ein Arbeitsplatzwechsel in dieser Branche Standard oder sogar karrierefördernd? Betrachtet werden müssen die Höhe und die Stetigkeit des Arbeitseinkommens, die Dauer der Beschäftigung, die Dauer des Bezugs von Lohnersatzleistungen und die Nähe bzw. Ferne zu einem dauerhaften „Normalarbeitsverhältnis“. Im Zeitstrahl des Erwerbverlaufs stellen sich die Fragen, welche Erwerbsabschnitte dominieren, und wie die Übergänge zwischen den Abschnitten bewertet werden können. Durch die Analyse der Qualität und der Dauer der Erwerbssequenzen und auch die Reihung kann ein Neigungswinkel festgestellt werden. Es gilt: Ist die prekäre Lage wohlstandsnah, ist sie tendenziell begrenzt, ist sie armutsnah, tendenziell unbegrenzt.[22]

Ein zusätzliches Einkommen in einem Haushalt kann eine schwierige Situation entproblematisieren. Deswegen muss auch die gesamte Lebenslage eines Menschen betrachtet werden. Existieren weitere Einkommen innerhalb des Haushalts? Reichen diese aus, um die prekäre Lage aufzufangen? Im Gegensatz dazu kann die Haushaltsstruktur auch eine prekäre Lebenslage hervorrufen, besonders wenn davor schon ein prekäres Potenzial existiert hat.[23]

Erst wenn Erwerbstelle, Erwerbsbiografie und die Lebenslage betrachtet worden sind, kann die objektive Erwerbslage eingeschätzt werden. Dabei muss bedacht werden, dass Prekarität nicht Armut bedeutet, aber Menschen in einer prekären Lage von Armut bedroht sein können. Es ist eine Schwebelage zwischen Armut und Wohlstand und hat viele Facetten. Es ist ein dynamischer Begriff und es kann in vielen verschieden Bevölkerungsschichten auftauchen. Wie Armut ist Prekarität nämlich relativ. Es ist kein Zustand sondern ein sozialer Prozess. Gefühlte Prekarisierung trifft häufiger in der Mitte der Gesellschaft, die erlebte hingegen an den Rändern auf. Bestimmte soziale Gruppen sind häufiger von Prekarität betroffen als andere.[24]

 

4.    Analyse

Ob Menschen mit einem Trans* Hintergrund als soziale Gruppe gesehen werden können, die stärker von einer prekären Erwerbslage bedroht werden, wird in der Analyse anhand des Modells von Kraemer erarbeitet. Dafür werden die einzelnen Dimensionen nacheinander betrachtet und eingeschätzt.

Innerhalb der ersten Dimension, die der Erwerbsstelle, wird zunächst Ebene 1 aufgeschlüsselt. Menschen mit einem Trans* Hintergrund haben vor ihrem Outing, wenn dieses erst im Erwachsenenleben folgt, alle Variationen von Jobs. Bleibt die Person nach dem Outing in derselben Arbeitsstelle, verändert sich rein Objektiv bei Ebene 1, dem Beschäftigungsverhältnis, nichts. Antidiskriminierungsgesetze verhindern meist eine offene Diskriminierung. Die Veränderungen auf Ebene 1 wegen dem Outing sind deutlich subtiler, beruflicher Abstieg folgt dann meist aus „betrieblichen Gründen“. Auf diese subtile Art kann schwieriger reagiert werden, da auch der juristische Weg ein schwerer mit ungewissem Ausgang wäre. Da das Outing, und die folgenden Veränderungen im Leben für die Betroffenen schon sehr viel Kraft kosten, bleibt den wenigsten noch die Kraft, um mit der*m Arbeitgeber*in zu kämpfen.[25]

Menschen, die durch ihr Outing ihren Job verlieren, aufgeben müssen oder ihn vor dem Outing aufgeben, aus Furcht vor Diskriminierung, finden sich in einer anderen Situation. Wenn sie eine neue Anstellung finden – mehr als die Hälfte aller Menschen mit Trans* Hintergrund sind arbeitslos – verdienen sie deutlich weniger als ihre Kollegen*innen. Vielen bleibt als letzter Ausweg nur der Weg in die Selbstständigkeit. Dort sind alle Kriterien der Ebene 1 nicht zufriedenstellend erfüllt, wodurch diese dann als prekär eingestuft werden kann.[26]

Bei der konkreten Arbeitstätigkeit, also Ebene 2, kann die Veränderung deutlicher gesehen werden. Auch hier gibt es wieder mehrere Möglichkeiten in welcher Situation sich ein Mensch mit Trans* Hintergrund befindet. Es folgt bei Verbleib in der Arbeitsstelle oft ein Entzug des Kundenkontakts, entweder durch Angst vor negativen Reaktionen der Kundschaft oder durch das Vorurteil, dass es sich hier um eine psychische Störung handelt und Menschen mit einer Störung ungeeignet für Kundenkontakt sind.[27]   Dies hat in den meisten Fällen eine negative Auswirkung auf die Zufriedenheit mit der Arbeitsstelle und bei Berufen, wo Kundenkontakt ein wichtiger Bestandteil der Tätigkeit ist, auch eine Verringerung der Professionalität dieser. Menschen, die einen neuen Job haben, sind meistens in einer schlechteren Anstellung mit deutlich schlechteren Lohn als vor dem Outing.[28] Nur die Gruppe der Selbstständigen kann, durch vorherige Aufgabe des Großteils der Absicherungen von Ebene 1, viele Teile ihrer Arbeitsbedingungen selbst bestimmen. Die Möglichkeit der Selbstständigkeit ist aber nicht jeder Branche gegeben und mit vielen Risiken verbunden. Bei den beruflich-sozialen Netzwerken gibt es zwei unterschiedliche Beobachtungen. Am Arbeitsplatz, also bei den internen Netzwerken, kommt es zu einen Abstieg. Support der Arbeitnehmer*innen untereinander, der im Normalfall Selbstverständlich ist, bleibt in den meisten Fällen aus.[29] Spott, Tratsch und unnötige Kritik ist im beruflichen Umfeld alltäglich. Es folgt ein Ausschluss von Kollegen*innengruppen.[30] Dies trifft Menschen, die in der Arbeitsstelle verweilen wie auch die mit neuer und auch Menschen in ihrer Ausbildung. Den Support finden Menschen mit Trans* Hintergrund meistens dann in Betroffenenvereinigungen. Dort wird ein sicheres Umfeld der Solidarität geschaffen, was die Gesellschaft ihnen verweigert.[31] Diese externen Netzwerke sind zahlreich und helfen vielen Menschen. Dort werden zwar Informationen und Erfahrungen ausgetauscht, aber selten kann dies die objektive Erwerbslage verbessern. Es gibt zwar auch viele politische Organisationen, die Forderungen ausformulieren und auch öffentlich vertreten, berufliche Netzwerke für Menschen mit einem Trans* Hintergrund gibt es aber noch sehr wenige. Diese externen Netzwerke und auch die Selbstständigkeit sind als Faktoren nicht stark genug um die Defizite aus den anderen Punkten abzufangen. Deswegen ist Ebene 2 tendenziell prekär. In den meisten Fällen ist die Dimension der Erwerbsstelle bei Menschen mit Trans* Hintergrund als prekär einzuordnen.

In der Erwerbsbiografie gibt es wieder Unterschiede, wann ein Mensch sein Outing vollzogen hat. Folgt dieses erst spät haben Menschen bis zum Outing eine recht erfolgreiche Karriere. Diese kann nur in den seltensten Fällen fortgeführt werden.[32] Behalten sie ihren Job oder bekommen sie einen neuen machen sie deutlich seltener Karriere als ihre Kollegen*innen.[33] Viele der Anstellungen sind aber unter dem „Normalarbeitsverhältnis“ und die Wahrscheinlichkeit, dass sich dies ändert ist sehr gering.[34] Die meisten kommen aber gar nicht ins Arbeitsleben hinein und viele sind langzeitarbeitslos, inklusive aller nachweislichen Sekundärfolgen.[35] Auch sonst sind die Zukunftsaussichten nicht als gut einzuschätzen. Von den Arbeitsagenturen werden Menschen mit Trans* Hintergrund als „unvermittelbar“ eingestuft[36] und auch Zeitarbeitsfirmen lehnen diese ab, vor allem aus Angst sie nicht vermittelt zu bekommen.[37] Bis zum Outing kann die Erwerbsbiografie ganz normal verlaufen, danach ist sie aber in den meisten Fällen von unstetiger Arbeit, langen Phasen der Arbeitslosigkeit, prekären Erwerbsstellen und niedriger Entlohnung geprägt. Ein Normalarbeitsverhältnis ist schwer bis kaum zu erreichen. Nach dem Outing kann eine klare Tendenz Richtung Verschlechterung der Erwerbsbiografie beobachtet werden und damit die ganze Dimension als prekär bewertet werden.

Die Lebenslage einzuschätzen hängt eng damit zusammen im welchem Umfeld die betroffene Person lebte. Je konservativer das Milieu, desto schwieriger fällt es dem Umfeld dies zu akzeptieren. Besonders Partner*innen und Eltern müssen viel verarbeiten, da sie auch viele Erwartungen, Beziehungsformen und Bilder aufgeben bzw. abändern müssen.[38] Im sozialen Umfeld (Familie, Freunde und Bekannte) kann es in vielen Fällen zu einer teilweisen bis kompletten Ablehnung führen, was zu einem Ausstoß aus der sozialen Gruppe führt.[39] Bei nicht kompletter oder auch bei keiner Ablehnung kann es durch Nicht-Sensibilisierung und Nicht-Beschäftigung mit der Thematik und der Situation zu einem Umfeld führen, in dem sich die betroffene Person sehr unwohl fühlt. Häufiger persönlicher Kontakt wird dann vermieden.[40] Innerhalb von Partnerschaften sind viele Konstellationen möglich. In vielen Betroffenenberichten wird der*die Partner*in oft zu einer Art besten Freund*in. Zwar ist der Wille oft existent zusammenzubleiben, aber da sich meistens die sexuelle Orientierung von einem oder beiden[41] Partner*innen nicht verändert, ist die Konstellation selten kompatibel.[42] Insgesamt ist es schwierig den Haushaltskontext einzuschätzen. Es ist aber nicht häufig, dass die*der Betroffene innerhalb der „normativen“ Kleinfamilie lebt, in dem der andere Teil innerhalb der Partnerschaft Hauptverdiener*in ist, deswegen kann davon ausgegangen werden, dass die prekäre Erwerbsstelle und Erwerbsbiografie durch den Haushaltskontext aufgegangen werden kann. Es kann im Gegensatz, wenn der*die Hauptverdiener*in sich outet, den anderen Teil in eine prekäre Lebenslage versetzen.

Durch die Angst durch ein öffentliches Outing sozial und beruflich abzusteigen, verheimlichen mehr als die Hälfte aller Menschen mit Trans* Hintergrund in ihrer Arbeitsstelle ihr Geschlecht.[43] Dies kann die erlebte Prekarisierung verhindern, führt aber zu einer gefühlten. Diese wandelt sich nach einem Outing, egal ob ein freiwilliges oder ein Fremdouting, mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine erlebte.

 

5.    Fazit

Die Unterschiede innerhalb der Lebenswege von Menschen mit Trans* Hintergrund sind sehr groß und so existiert auch im Beruf eine hohe Diversität. Mit Blick auf die objektive Erwerbslage macht es scheinbar kaum einen Unterschied, wann das Outing war.

Innerhalb der Dimension der Erwerbsstelle gibt es bei Ebene 1, dem Beschäftigungsverhältnis, nach dem Outing zunächst keine Veränderung. Solche könnten vor dem Arbeitsgericht nachgewiesen werden und zu einer Verurteilung führen. Dies hindert viele Arbeitgeber*innen nicht vor kleinen und subtileren Verschlechterungen in Ebene 1, wogegen viele Betroffene nicht vorgehen. Die Flucht aus der alten Arbeitsstelle in die Arbeitslosigkeit oder Selbstständigkeit als diskriminierungsfreieres Umfeld wird vorgezogen. Die Aufgabe von sozialer Sicherheit wird dabei in Kauf genommen.

Ebene 2 hingegen ist in den meisten Fällen als prekär zu betrachten. Weder die Zufriedenheit noch die eigenen Ansprüche an die Professionalität innerhalb der Tätigkeit sind auf einem hohen Level. Der Ausschluss aus internen beruflich-sozialen Netzwerken schafft ein Klima, in dem sich Menschen nicht wohlfühlen und weitere Nachteile. Externe Netzwerke und auch die gewählte Selbstständigkeit können alle Defizite innerhalb beider Ebenen nicht aufheben.

Die Erwerbsbiografie der Betroffenen, die sich innerhalb des Berufslebens outen, sind bis zu diesem Zeitpunkt vergleichbar mit denen von Menschen ohne Trans* Hintergrund. Danach kommt es zu schweren Brüchen in der Karriere und oft wenig Zukunftsaussichten. Die Menschen haben in der Arbeitswelt verstärkt mit Diskriminierung, Vorurteilen und falschen Ängsten zu kämpfen. Junge Menschen mit Trans* Hintergrund finden oft keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und müssen mit Schwierigkeiten in der Ausbildung rechnen.

Die Lebenslage kann sehr unterschiedlich sein. Auch wenn Bezugspersonen existieren, können diese selten die finanziellen Ausfälle auffangen. Natürlich haben Menschen, die aus einer wohlhabenderen Situation starten, bessere Chancen eine prekäre Lebenslage zu vermeiden oder zumindest nicht lange in dieser zu bleiben. Dadurch, dass innerhalb der Gesellschaft aber immer noch keine Akzeptanz von Menschen mit Trans* Hintergrund existiert, ist die Lebenslage tendenziell auch prekär.

Werden alle Dimensionen betrachtet, wird deutlich, dass die objektive Erwerbslage in den meisten Fällen prekär ist. Menschen mit einem Trans* Hintergrund sind also eine soziale Gruppe, welche verstärkt bedroht ist durch eine erlebte Prekarisierung. Selbst wenn durch Angst des Abstiegs das Geschlecht an der Arbeitsstelle verschwiegen wird, existiert eine in diesem Fall berechtigte und sehr bedrohliche gefühlte Prekarisierung. Die vielen Fälle von Langzeitarbeitslosen und auch die Diskriminierung innerhalb der Strukturen von Behörden zeigen aber, dass viele Menschen mit Trans* Hintergrund auch von Armut bedroht sind bzw. darunter leiden.

Neben Aufklärung ist aktive Unterstützung durch den Staat und den Ausbau von Antidiskriminierungsmaßnahmen nötig. Dafür braucht es aber auch eine Veränderung der staatlichen Struktur u.a. durch die Aufgabe des Zwangs der binären Geschlechtseinteilung. Genauso muss die Stigmatisierung als Trans* als Krankheit beendet werden und der Zugang zu Hilfe, ob psychische oder medizinische, erleichtert und entbürokratisiert werden. Erst durch eine wirkliche Akzeptanz der Vielfalt innerhalb der Gesellschaft und individuelle Förderung kann die Situation von Menschen mit Trans* Hintergrund am Arbeitsmarkt nachhaltig verbessert werden.

 

[1] Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen.

[2] Vgl. Wieviel Vielfalt darf es sein? Wie bunt ist bunt?, atme-ev.de, 2015, http://atme-ev.de/o-ton/CSD2015_wiebuntistbunt_precut.mp3, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[3] Vgl. Transsexualität und Intersexualität, endokrinologikum.com, http://www.endokrinologikum.com/fachbereiche/endokrinologie/transsexualitaet-und-intersexualitaet.html, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[4] Resolution 2048 (2015) 1 Discrimination against transgender people in Europe http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/X2H-Xref-ViewPDF.asp?FileID=21736&lang=en

[5] Vgl. Udo, Rauchfleisch, 2006: „Transsexualität – Transidentität Begutachtung, Begleitung, Therapie“, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 7.

[6] Vgl. Ebd. S. 11.

[7] Vgl. Ebd. S. 7-8.

[8] Ebd. S. 22.

[9] Vgl. Ebd. 23.

[10] Vgl. Wieviel Vielfalt darf es sein? Wie bunt ist bunt?, atme-ev.de, 2015, http://atme-ev.de/o-ton/CSD2015_wiebuntistbunt_precut.mp3, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[11]Vgl. Wegweiser: Begriffe und Definitionen, transsexuell.de, http://www.transsexuell.de/wegweiser-begriffe.shtml, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[12] Jack, Walker, 2012: „Trans* Menschen und Soziale Arbeit.“ Veröffentlichte Bachlorarbeit, FHS St. Gallen, Fachbereich Soziale Arbeit, S.21.

[13] Vgl. Ebd. 21.

[14] Vgl. Wegweiser: Begriffe und Definitionen, transsexuell.de, http://www.transsexuell.de/wegweiser-begriffe.shtml, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[15] Dieser Gedanke kam mir schon in der Konzeptionsphase dieses Textes, ähnliches spricht auch Jay Eric Jones in der Diskussionsrunde „Wieviel Vielfalt darf es sein. Wie bunt ist bunt?“ an. (Link siehe oben)

[16] Vgl. Jack a.a.O. S. 22.

[17] Hier als Ehemann in dem Heteronormativen Familienmodell verstanden.

[18] Vgl. Mona, Motakef; Julia, Teschlade; Christine, Wimbauer, Was ist normal? Was ist prekär? Überlegung zur Ambivalenz eines zeitdiagnostischen Konzept, Sozbog, 12 Juli 2014, http://soziologie.de/blog/2014/07/was-ist-normal-was-ist-prekaer-ueberlegungen-zur-ambivalenz-eines-zeitdiagnostischen-konzepts/, Zuletzt Aufgerufen am: 28.09.2015

[19] Vgl. Klaus, Kraemer, 2008: „Prekarität – was ist das?“ in Arbeit, Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, S.77-90, Heft 1, Jg. 17, S. 77-78.

[20] Vgl. Ebd. S. 84-86.

[21] Vgl. Ebd. S. 79-80.

[22] Vgl. Ebd. S. 81-82.

[23] Vgl. Ebd. S. 82-83.

[24] Vgl. Ebd. S. 87-88.

[25] Vgl. Tina, Groll, Transsexuelle brauchen einen Kündigungsschutz, zeit.de, 1 September 2011, http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-08/interview-schicklang-transsexualitaet, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[26] Vgl. Tilman, Steffen, Unter Kollegen im falschen Körper, zeit.de, 22 Dezember 2010, http://www.zeit.de/karriere/beruf/2010-12/diskriminierung-trans-personen-antidiskriminierungsstelle, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[27] Vgl. Ebd. und Groll a.a.O..

[28] Vgl. Jack a.a.O. S. 49.

[29] Vgl. Ebd. S. 44.

[30] Vgl. Steffen a.a.O..

[31] Vgl. Rauchfleisch a.a.O. S. 89.

[32] Vgl. Jack a.a.O. S. 47.

[33] Vgl. Steffen a.a.O..

[34] Vgl. Heiko, Prengel, Neues Geschlecht, neuer Job, zeit.de, 29 Juli 2011, http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-07/diskriminierung-transgender-beruf, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[35] Vgl. Jack a.a.O. S. 47.

[36] Vgl. Groll a.a.O..

[37] Vgl. Prengel a.a.O..

[38] Vgl. Rauchfleisch a.a.O. S. 91-92.

[39] Vgl. Jack a.a.O. S. 47.

[40] Vgl. Ebd. S.48.

[41] Oder auch mehreren Personen innerhalb einer nicht Zwei-Menschbeziehung.

[42] Vgl. Vgl. Karin, Prummer; Dominik, Stawski, Im Fremdkörper, zeit.de, 15 April 2009, http://www.zeit.de/campus/2009/03/transsexualitaet, Zuletzt Aufgerufen am: 29.09.2015

[43] Vgl. Steffen a.a.O..

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