Polen als Retter der NATO?

Eine Untersuchung der NATO-Osterweitung

1.     Einleitung

Nach dem Ende des Sowjetsozialismus und somit dem Ende der direkten militärischen Konfrontation, stand die „North Atlantic Treaty Organization“, kurz NATO, vor einer großen Herausforderung. Der Ursprung ihrer Existenz, Europa vor der direkten Bedrohung durch „den Kommunismus“ zu beschützen, war verschwunden. Wie würde sie sich in der neuen Weltordnung eingliedern? Welche Aufgabe soll sie übernehmen in einer Welt, die nun nicht mehr bipolar geprägt war? Viele Experten*innen, hauptsächlich die Rationalisten*innen, waren der Meinung, dass die NATO aufhören würde zu existieren.[1]

Die Institutionalisten*innen glaubten an eine Weiterentwicklung und eine Neustrukturierung des Nordatlantischen Bündnisses. Von dieser NATO-internen Debatte getrennt wuchs in den ehemaligen Warschauer Pakt Staaten, die nun ihre Souveränität wiedererlangt hatten, ein Interesse der NATO beizutreten. Dieser Wunsch löste innerhalb des Verteidigungsbündnisses diverse Diskussionen aus. Das Ziel war klar: ein stabiles und sicheres Europa mit einer Integration von Russland. Wie und in welchen Rahmen dies geschehen sollte, war hingegen umkämpft.[2]

Nach Hin und Her entschied man sich für eine NATO-Erweiterung, aber eine, die Schritt für Schritt voranschreiten sollte und eine, die Russland nicht beunruhigen würde. In der Diskussion, welche Länder nun zuerst der NATO beitreten sollen, war Polen immer unumstritten. Polen, gebrandmarkt durch die Geschichte, hatte ein enormes Interesse sich vor seinen Nachbarn, insbesondere vor Russland und auch Deutschland, zu schützen.

Warum galt Polen als sicherer Kandidat der ersten NATO-Erweiterungswelle? Dieser Frage wird in dieser Arbeit nachgegangen. Hierbei wird die Interdependenztheorie des Institutionalismus verwendet. Es wird sich zeigen, dass diese Theorie der internationalen Politik die Frage abschließend nicht klären kann, aber dazu beiträgt Abläufe besser zu verstehen. Ein Blick in die Innenpolitik Polens und auf die Geschichte von Polen und Europa ist für diese Frage obligatorisch.

Die gelungene Transformation Polens hin zur Demokratie und freien Marktwirtschaft war und wird ein wichtiger Grund der erfolgreichen Transformation der NATO sein. Das Bündnis hätte ohne den Beitritt Polens nicht weiter existieren können und hätte jegliche Legitimation verloren.

2.     Die Interdependenztheorie – Der Blick in die Beziehungen

Für die Interdependenztheorie der internationalen Beziehungen, die dem Institutionalismus zugerechnet wird, existieren zwei Wege für Nationalstaaten: Die Selbsthilfe oder der Weg der internationalen Kooperation. Im Neorealismus wird das internationale System als ein anarchisches verstanden, in dem sich keine Normen durchsetzen können und die nationale Selbsthilfe die einzige Möglichkeit des Schutzes ist.[3] Im Gegensatz zu den Anhänger*innen des Neorealismus sind die Institutionalisten*innen davon überzeugt, dass durch internationale Kooperation der Abbau der internationalen Anarchie möglich ist. Da in der Interdependenztheorie Staaten als potenziell rational agierende Akteure gedacht werden, geht man davon aus, dass sie diese Möglichkeit der Schadensminimierung wahrnehmen. [4]

Die zu beobachtende Entwicklung, dass Staaten immer mehr miteinander arbeiten und das Etablieren bzw. Verstärken von internationalen Institutionen, spricht für das schrittweise Aufgeben der reinen Selbsthilfe. Eine Institution wird bei Institutionalisten*innen als die Summe von dauerhaften Regeln formeller und informeller Art, welche das Handeln von Staaten verändern, definiert. Institutionen können dabei eine rechtspersönliche Organisation sein, müssen sie aber nicht.[5]

Als Grund für den Abbau der nationalen Selbsthilfe und die Hinwendung zur internationalen Kooperation, werden die wechselseitigen Abhängigkeiten der Staaten gesehen. Diese Interdependenzen dämmen die internationale Anarchie in einigen Bereichen ein. Durch die Globalisierung, und im Besonderen die grenzüberschreitende Wirtschaft, entstehen internationale Strukturen, welche die Staaten intensiver miteinander verbinden. Diese Strukturen haben deutlichen Einfluss auf die internationale Politik.[6]

Nur wechselseitige Abhängigkeiten, die Auswirkungen auf die internationale Politik haben, werden als Interdependenzen bezeichnet. Diese wirken sich dann ebenso auf die nationale Politik aus. Innerpolitische Veränderungen haben meistens Auswirkungen auf andere Staaten. Staaten sind deswegen auch auf andere Staaten angewiesen, um ihre nationalen Ziele zu erreichen. Diese Interdependenzen werden in drei Abstufungen eingeteilt: „Sensitivity“, „Vulnerability“ und komplexe Interdependenzen. Die „Sensitivitiy“ sind relativ schwache Interdependenzen, wo Nationen durch schnelles Handeln die Kosten gering halten können. Die „Vulnerability“-Interdependenzen können Staaten großen Schaden zufügen, ohne dass diese etwas alleine unternehmen können. Nur gemeinsam mit anderen Staaten kann erfolgreich dagegen gewirkt werden. Die dritte Stufe sind die komplexen Interdependenzen. In solchen Fällen sind mehrere, bis alle Verbindungen zwischen mindestens zwei Staaten beeinträchtigt. Durch die Komplexität kann man diese nicht mehr auf einzeln priorisierbare Punkte runterbrechen. Die Auswirkungen sind innen- und außenpolitisch übergreifend und die Koordination innerhalb des Staates ist sehr schwierig. Bei komplexen Interdependenzen ist eine militärische Lösung nicht möglich, da die Kosten zu hoch wären und es keinen eindeutigen Gewinner geben kann. [7]

Die „Vulnerability“ und die komplexen Interdependenzen fügen Staaten, wenn diese nur allein auf nationale Selbsthilfe setzen, erhebliche Schäden zu. Eine Kooperation mit anderen Staaten ist somit zwingend notwendig.

Die NATO wird nach der institutionellen Definition auch als eine Institution in Form einer rechtspersönlichen Organisation gesehen. Sie ist nämlich nicht nur ein Verteidigungsbündnis, sondern auch eine politische Allianz.[8] Im Zuge der Forschungsfrage und der Theorie werden mehrere Hypothesen aufgestellt:

  • Das nach 1991 existierende Machtvakuum in Mittel- und Osteuropa hätte starke negative Auswirkungen auf alle Mitgliedsstaaten der NATO gehabt, wenn diese auf reine nationale Selbsthilfe gesetzt hätten.
  • Durch komplexe Interdependenzen schien eine NATO-Erweiterung die sinnvollste Möglichkeit der internationalen Kooperation zu sein, um dieses Machtvakuum aufzulösen.
  • Polen war der beste Beitrittskandidat und obligatorisch für einen erfolgreichen Abschluss der Erweiterung.

3.     Analyse

3.1. Hat ein Machtvakuum innerhalb Mittelosteuropas negative Auswirkungen auf die NATO Mitgliedsstaaten?

Im analytischen Teil werden die Hypothesen anhand der Theorie bewiesen, bzw. im Falle des Nichtzutreffens, widerlegt. Zunächst wird die Behauptung untersucht, welche besagt, dass das Machtvakuum innerhalb Europas, nach dem Zerfall des Warschauer Pakt, starke negative Auswirkungen auf die NATO-Mitgliedsstaaten gehabt hätte, wenn sie dem Prinzip der reinen Selbsthilfe gefolgt wären. Dafür müssen die Diskussionen innerhalb und außerhalb der NATO und die Entscheidungen des Bündnisses betrachtet und mit der Interdependenztheorie verglichen werden. Ähnlich wird auch in der weiteren Analyse vorgegangen.

Die Mitglieder der NATO unterbrachten im Juni 1990 den Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes das Angebot, sich gegenseitig nicht weiterhin als Feinde anzusehen.[9] Nach dessen Zerfall gab es die Gefahr der Instabilität in Mittel- und Osteuropa und ein Bedenken, ob die Transformation in einigen Ländern nicht wieder Rückläufig werden könnte.[10] Die negativen Auswirkungen einer solchen Instabilität wurden in der Krise des schrittweisen Zerfalls des Vielvölkerstaates Jugoslawien deutlich und der dortigen Machtlosigkeit der EU stabilisierend zu wirken.[11]

Das Ziel war es, dass es eine umfassende Sicherheitsordnung in ganz Europa geben sollte, welches diese Risiken abbauen würde. Dabei wollten die NATO-Mitglieder auf keinen Fall Russland aus diesem neuen System ausschließen. Eine NATO-Erweiterung war zunächst keine unumstrittene Idee, aber alle Mitgliedsstaaten wollten das gemeinsame Ziel erreichen.[12]

Als Einzelstaaten hätte man eine europäische Stabilität nicht schaffen können und ein neues bzw. ein altes, erweitertes Sicherheitssystem war notwendig. Dass wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den europäischen Staaten, mit oder ohne NATO-Mitgliedschaft, existieren, kann an dem großen Interesse eine Instabilität zu vermeiden gesehen werden. Es stellt sich die Frage, ob man hier von komplexen Interdependenzen sprechen kann.

Einer der Unterschiede zwischen den NATO-Mitgliedsländern und den Beitrittswilligen war der fehlende Schutz vor möglichen äußeren Aggressoren. Dieser wurde besonders, aber nicht nur von Polen, Tschechien und Ungarn, in einem womöglich wieder erstarkten und imperialistischen Russland gesehen. Gleichzeitig misstraute man den restlichen europäischen Staaten, insbesondere Deutschland.[13] Die Existenz einer sicherheitspolitischen Dimension ist gegeben, diese hat aber Auswirkungen auf alle anderen politischen Felder.

Die größere Gefahr für einen europäischen NATO-Staat war, wenn innerhalb Mittelosteuropas eine instabile Region durch einen kollabierenden Staat entstehen würde. Dies hätte negative Folgen für ganz Europa. Die Konsequenzen würden innerhalb der Staaten, aber auch in ihren Beziehungen zu anderen deutliche Schäden anrichten.[14]

Die Lösung dieses Szenarios hätte von Einzelstaaten weder auf einzeln priorisierbare Punkte runtergebrochen, noch durch militärisches Eingreifen beendet werden können. Das Machtvakuum nach dem Zerfall des Warschauer Paktes hätte potenziell starke negative Auswirkungen gehabt und komplexe Interdependenzen hätten drohen können. Die NATO-Mitglieder suchten als rational handelnde Staaten nach einer Möglichkeit Szenarien eines instabilen Europas und den somit entstehenden Schaden abzuwenden.

3.2.          War die NATO-Erweiterung die sinnvollste Möglichkeit der internationalen Kooperation?

Nachdem die Frage nach der Notwendigkeit internationaler Kooperation beantwortet wurde, wird nun die Entscheidung des gewählten „Instruments“ betrachtet. Um die Entscheidungsfindung zu verstehen ist es notwendig, die Entwicklung der NATO und die Diskussionen innerhalb des Bündnisses zu verstehen.

Die NATO wurde 1949 als kollektives Sicherheitsbündnis gegen die Sowjetunion gegründet. Es sollte der „Vormarsch des Kommunismus“ in Europa durch Abschreckung gestoppt werden. Nach 1989 existierte diese Bedrohungslage nicht mehr und die bipolare Machtverteilung, mit ihrem einfachen Schwarz-Weiß-Weltbild, verschwand.[15]

Der ursprüngliche Gründungsgrund existierte nun nicht mehr und die NATO befand sich in einer Diskussion über ihre Zukunft. Im November 1991 wurde ein neues strategisches Konzept für den Übergang beschlossen. Dieses beinhaltete unter anderem ein verstärktes Augenmerk auf politische Mittel um Ziele zu erreichen. Durch den Sicherheitszugewinn wurden diese neuen Kernelemente, neben der kollektiven Sicherheit, hinzugefügt: Der Dialog und die Kooperation.[16] Schon relativ zeitnah nach der wiedererlangten Unabhängigkeit strebten einige Mittel- und Osteuropäische Staaten nach einer NATO-Mitgliedschaft. Dabei war neben dem Interesse der kollektiven Sicherheit auch der Wunsch nach einer Verankerung in den westlichen Strukturen der Hauptgrund.[17]

Es existierten aber lange Zeit Vorbehalte gegen eine NATO-Erweiterung. Bis dato war die Prämisse für Neumitglieder: Sie müssen dem Bündnis nutzen. Diese Vorgabe wurde aber schon bei der Aufnahme von Spanien 1982 nicht mehr eingehalten. Man wollte dort die junge Demokratie nach der Diktatur Francos stabilisieren.[18] Hier zeigt sich, dass die NATO schon damals mehr als nur ein rein militärisches Bündnis war und ein Fortbestehen ohne die direkte Konfrontation möglich wäre. Im Institutionalismus geht man davon aus, dass die Weiterentwicklung einer Institution sinnvoller, das heißt günstiger, ist als eine neue zu schaffen.[19] Trotzdem gab es unterschiedliche Ideen die Situation auch außerhalb der NATO mit anderen Institutionen zu lösen.

Der Hintergrund war der, dass die NATO die Beziehungen zu Russland nicht gefährden wollte. Diese waren lange Zeit der Hauptgrund sich warum die NATO den Beitrittsbemühungen der mittel – und osteuropäischen Staaten entzog. Die Ungewissheit, wie Russland auf den „Verlust“ der ehemaligen Satellitenstaaten reagieren würde, lähmte die Suche nach einem neuen Sicherheitskollektiv in Europa.[20]

Zunächst versuchte die NATO mit Zwischenlösungen, wie dem Kooperationsrat, den Entscheidungen aus dem Weg zu gehen, aber dies wurde von den beitrittswilligen Staaten als unzureichend abgelehnt.[21]

Die Hauptkritikpunkte innerhalb der NATO-Staaten gegen eine Osterweiterung waren u.a., dass die Neumitglieder dadurch keine Sicherheit bekommen würden und dass die NATO, als Relikt des kalten Krieges, ein potenzieller Stolperstein für einen gesamteuropäischen Frieden sein könnte. Das Argument der hohen Kosten wurde zwar auch oft genannt, im Hinblick aber auf die möglichen Kosten einer Nicht-Kooperation war dieses nicht ausschlaggebend. Auch wuchs die Erkenntnis, dass eine NATO-Erweiterung nicht annähernd so teuer werden würde wie zunächst gedacht.[22] Das Ziel aller war es, eine umfassende Sicherheitsordnung in ganz Europa zu etablieren. Russland hatte großes Interesse daran dieses Ziel im Rahmen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) umzusetzen. Dies hätte die NATO deutlich geschwächt.[23]

Ein weiterer Versuch der NATO die Kooperation außerhalb zu vertiefen war die „Partnership of Peace“, die 1993 ins Leben gerufen wurde. Sie wurde aber als Verzögerungstaktik wahrgenommen um ein Näherkommen zwischen NATO und Russland zu begünstigen. Erst 1993 folgte die erste ernsthaftere Auseinandersetzung mit einer möglichen Erweiterung der NATO. Als Jelzin im gleichen Jahr in Aussicht stellte keinen Einspruch gegen die NATO-Mitgliedschaft Polens einzulegen und 1994 der US-amerikanische Senat sich für die Erweiterung aussprach, wurde eine. Osterweiterung in Absprache mit Russland beschlossen.[24]

Durch den Vergleich der unterschiedlichsten Kooperationsmöglichkeit zeigt sich, dass die Erweiterung am effektivsten sei und zeitgleich weniger Kosten verursachen würde, als die Etablierung einer neuen Institution. Sie würde die Transformationsstaaten in ihrer Entwicklung zur Demokratie und Marktwirtschaft unterstützen, Nachbarschaften stärken und eine Nationalisierung der Verteidigungspolitik verhindern. Es war die einzige Möglichkeit die Existenz der NATO zu sichern.[25]

 

3.3.          War die Aufnahme Polens obligatorisch für die NATO-Erweiterung?

Der Entschluss einer NATO-Erweiterung ist das Eine, wie diese aussehen könnte und welche Staaten potenzielle Kandidaten wären, etwas anderes. Dies hängt u.a. an den Bemühungen und Zielen der einzelnen Staaten. Deswegen muss in der Analyse auch die innenpolitische Situation einfließen. In keinem Land des ehemaligen Warschauer Paktes war das Streben zu einer NATO-Mitgliedschaft so ausgeprägt wie in Polen. Es existierte ein starker Wunsch ein Teil der „westlichen“ Strukturen zu werden. Nach der Verkündigung der NATO-Öffnung wurde der Beitritt als außenpolitisches Ziel Nr. 1 deklariert. Der Großteil der Eliten, wie auch der Bevölkerung war für die NATO-Mitgliedschaft.[26]

Polen war durch seine Geschichte der wiederholten Staatsauflösung gebrandmarkt und so an einem stabilen Europa, wie auch verlässlichen Bündnispartnern, interessiert. Dies wurde in der NATO und vor allem in den USA gesehen. [27] Eine NATO-Mitgliedschaft wurde nicht nur als wichtig für Polen, sondern auch für Gesamteuropa verstanden.[28]

Die Argumentationen der polnischen Eliten, warum Europa und die NATO davon profitieren würden, waren facettenreich. Durch die Lage in Mitteleuropa, direkt an Deutschland und somit an der NATO-Außenlinie, war es geographisch einfach Polen in das NATO-Gebiet einzugliedern. Dies war ein Schritt zur territorialen Geschlossenheit.[29] Auch grenzt Polen nördlich, östlich und auch südlich an weiteren, damals noch potenziellen, NATO-Staaten, aber auch an Staaten, welche noch nicht bereit sind oder auch kein Interesse haben, dem Verteidigungsbündnis beizutreten. Durch Polen konnte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den mittel-, nordost- und osteuropäischen Staaten intensiviert und ein Zusammenwachsen Europas vorangetrieben werden.[30]

Das Zusammenwachsen wurde nicht nur durch die geographische Lage, sondern auch durch die ernsthaften Bestrebungen Polens, die Beziehungen zu den westlichen Staaten auszubauen, bewirkt. Diese wurden schon ab 1989 aktiv betrieben. Besonders mit dem Nachbarn Deutschland kam es zu einer schnellen Aussöhnung und zu einer wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit.[31]

Auf der anderen Seite baute Polen auch die Beziehungen zu seinen Nicht-NATO-Nachbarn auf und stabilisierte so die Region. Die polnische Politik hatte das Ziel das Bindeglied des „Westens“ und des „Ostens“ zu sein. Die östlichen Nachbarn sahen in Polen ihren Weg nach „Europa“ und Polen wollte diese auch auf eine Eingliederung in westliche Strukturen vorbereiten.[32]

Das Ziel der Verbesserung der Beziehungen zu Russland wurde von der NATO und Polen geteilt. Die NATO wollte ohne Zustimmung Russlands keine potenzielle Mitgliedschaft Polens bestimmten. In Polen hingegen sah man eine NATO-Mitgliedschaft als obligatorisch, um von Russland als souveräner und wichtiger Staat anerkannt zu werden. Polen wollte aber genauso eine Einbindung Russlands in die Sicherheitsmechanismen und baute so die russischen Vorbehalte der NATO-Erweiterung ab. Ein NATO-Beitritt wurde von allen Seiten als Möglichkeit gesehen, dass Polen ein besserer Vermittler zwischen NATO und Russland werden könnte.[33]

Polen galt auch als Vorbild im Transformationsprozess. Es überwand die ersten Phasen durch eine Schocktherapie, in dem die politischen Entscheidungsträger*innen Reformen schnell durchführten und die Bevölkerung aufklärten.[34] Letzteres war notwendig, da ein NATO-Beitritt die Modernisierung des Militärs und somit eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts mit sich bringen würde. Ohne Aufklärung wäre es schwierig gewesen, dass die Bevölkerung diese Mehrkosten plus die Transformationskosten tragen würde.[35] Durch die Erfolge in der Transformation wurde die Wirtschaft widerbelebt und Polen wurde zum wichtigen Handelspartner in Mittelosteuropa.[36] Der fortgeschrittene Transformationsprozess hatte eine Strahlkraft zu vielen Nachbarn, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten. Sie stärkten dort die Reformbemühungen und erschwerten Rückschritte.[37]

Durch die geographische Lage, durch das Unterhalten von Beziehungen im Westen wie im Osten, durch die Vermittlerrolle zu Russland, ihren Reformfortschritten und auch wegen dem Zugehörigkeitsgefühl zu Europa war Polen der beste Kandidat für die NATO Erweiterungswelle. Durch seine Verbindungsposition auf allen Ebenen wäre eine erfolgreiche Erweiterung ohne Polen nicht möglich gewesen.

3.4.          Zusammenfassung der Analyseergebnisse

Nach der Untersuchung der einzelnen Punkte können die Hypothesen zum größten Teil bestätigt werden. Durch reine nationale Selbsthilfe hätten die NATO-Staaten die Situation nach dem Zusammenbruch der Sowjetrepublik und des Warschauer Paktes nicht zu ihren Gunsten lenken können. Die Angst vor dem potenziellen Schaden hat die NATO nach Kooperationsmöglichkeiten suchen lassen, bevor komplexe Interdependenzen auftraten. Es wurden unterschiedliche Vorschlägen und Überlegungen möglicher Kooperationen diskutiert. Der Ausbau einer schon bestehenden Institution, der NATO selbst, zeigte sich als sinnvoller als das Etablieren einer neuen, obwohl dies auch Versucht wurde. Polen war durch seine geographische Lage, Politik und Geschichte eine Verbindung zwischen dem „Westen“ und dem „Osten“ und somit obligatorisch für dieses Vorhaben.

4.     Fazit

Die Interdependenztheorie hilft die Entwicklung der NATO und die Entscheidungen ihrer Mitgliedsstaaten nachzuvollziehen. Besonders interessant ist, dass versucht wurde das Machtvakuum in Mittel- und Osteuropa durch internationale Kooperation zu beseitigen bevor schwerwiegender Schaden entstehen konnte, Einzelfälle ausgenommen.

Die groben Ziele waren es die Region zu stabilisieren, aber auch das alte Lagerdenken aufzubrechen und aktiv eine Einigung Europas voranzutreiben. Unter Rücksichtnahme dieser Ziele und der Interessen Russlands hatte die NATO lange Schwierigkeiten sich für eine „Osterweiterung“ zu öffnen. Alternative Kooperationsversuche versandeten oder wurden von anderen beteiligten Staaten abgelehnt.

Viele der Staaten aus dem ehemaligen Warschauer Pakt und einige, die aus der Sowjetunion entstanden sind, formulierten in ihren Transformationszielen neben der Etablierung einer liberalen Demokratie und der freien Marktwirtschaft auch die Angliederung an die westlichen Strukturen. Kein Land verfolgte dieses Ziel so konsequent wie Polen.

Durch die aktive Bemühung mit allen Nachbarn gute Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und der geographischen Lage in der Mitte, zwischen dem „alten westlichen“ und dem „neuen östlichen“ Europa, galt Polen als bester Vermittler zwischen der NATO und anderen potenziellen Neumitgliedern. Auch gegenüber Russland, welches trotz Zusammenbruch der Sowjetunion gewaltige militärische Macht besaß und somit für viele Länder im Umfeld als Bedrohung wahrgenommen wurde, konnte Polen als Vermittler in Frage kommen.

Die Transformation innerhalb Polens zeigte Erfolge und wurde auch mit Unterstützung von einem Großteil der Bevölkerung und den Eliten weiter vorangetrieben. Die Unterstützung war so stark, da die Zugehörigkeit zur Europa eine Selbstverständlichkeit war. Darum galt Polen in den NATO-Staaten immer als sicherer Kandidat einer Erweiterung.

Niemand konnte aber genau sagen, was die wirklichen Konsequenzen einer Osterweiterung sein werden und wie sich die neuen Mitglieder einbinden würden. Dies hing auch von der Entwicklung innerhalb der Staaten ab. Polen galt als Mittelpunkt dieser Beobachtungen und ein Fehlschlagen der Transformation hätte bei einer NATO-Mitgliedschaft katastrophale Auswirkungen.

Darum war mit einer Osterweiterung auch immer ein gewisses Risiko verbunden. Ohne die Erweiterung wäre die NATO das Risiko eingegangen, dass sie in einer Welt ohne direkte Blockkonfrontation impraktikabel und wahrscheinlich mittelfristig überflüssig geworden wäre. Der Entschluss für die Aufnahme Polens war keiner, welcher nur Anhand von Theorien erklärbar ist. Ein Schritt zur Einigung Europas und zur Weiterentwicklung der NATO war auch immer eine politische Entscheidung.

1997 lud die NATO schließlich, neben Tschechien und Ungarn, Polen ein dem Bündnis 1999 beizutreten. Die Argumentation war, dass man als NATO mehr sein möchte als nur ein Relikt aus der Vergangenheit und aktiv an einer Stabilisierung Mittel- und Osteuropas teilnehmen möchte. Den ersten drei Beitrittskandidaten wurde zugetraut diesem Ziel aktiv etwas beizutragen.[38]

[1] Vgl. Ulrich, Franke, 2010: Die Nato nach 1989, Das Rätsel ihres Fortbestands. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 12.

[2] Vgl. Bastian, Giegerich, 2012: Die Nato. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 47.

[3] Vgl. Michael, Zürn, 2010 in Lexikon der Politikwissenschaft, 4. Aktualisierte und erweiterte Auflage, Dieter, Nohlen; Rainer-Olaf, Schultze (Hg.). München: C.H. Beck, S.882.

[4] Vgl. Xuewu, Gu, 2010: Theorien der internationalen Beziehungen, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S.139.

[5] Ebd., S.140.

[6] Ebd., S.142-143.

[7] Vgl. Xuewu, a.a.O. S. 144-146.

[8] Vgl. Giegerich, a.a.O. S.21.

[9] Vgl. Giegerich, a.a.O. S.18.

[10] Ebd., S.36.

[11] Ebd., S.18.

[12] Vgl. Eva, Feldmann; Sven Bernhard, Gareis, 1996: Nach der Nato-Öffnung, Wie setzt Polen den Stabilitätstransfer nach Osteuropa fort? Strausberg: Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation, S.8.

[13] Vgl. Giegerich, a.a.O. S.48.

[14] Vgl. Hildegard, Bedarff; Bernd, Schürmann, 1998: Nato und EU aus der Perspektive Ostmitteleuropas – Meinungsbilder der Eliten in Polen, der Tschechischen Republik, Estland und Lettland. Münster: Lit Verlag, S. 32.

[15] Vgl. Giegerich, a.a.O. S. 7-8.

[16] Ebd., S.35-36.

[17] Ebd., S.47.

[18] Ebd., S.45-46.

[19] Vgl. Franke, a.a.O. S.12 & 29.

[20] Vgl. Bedarff; Schürmann, a.a.O. S. 34.

[21] Vgl. Giegerich, a.a.O. S. 47-48.

[22] Vgl. Bedarff; Schürmann, a.a.O. S. 20.

[23] Vgl. Feldman; Gareis, a.a.O. S. 7-8.

[24] Vgl. Giegerich, a.a.O. S. 47-49.

[25] Vgl. Feldman; Gareis, a.a.O. S. 50.

[26] Vgl. Feldman; Gareis, a.a.O. S. 7.

[27] Vgl. Jerzy, Holzer, 2007: Polen und Europa Land, Geschichte, Identität. Ulm: Dietz, S. 107.

[28] Vgl. Bedarff; Schürmann, a.a.O. S. 32.

[29] Vgl. Giegerich, a.a.O. S. 53.

[30] Vgl. Feldman; Gareis, a.a.O. S. 11.

[31] Feldman; Gareis, a.a.O. S.11-14.

[32] Ebd., S.14, S.17 & S.21.

[33] Vgl. Bedarff; Schürmann, a.a.O. S. 34-37.

[34] Ebd., S.28.

[35] Ebd., S.12.

[36] Vgl. Feldman; Gareis, a.a.O. S. 19.

[37] Ebd., S.15.

[38] Vgl. Giegerich, a.a.O. S. 37.

 

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