Diktatur oder Opposition

Die unterschiedliche Rolle der katholischen Kirche in der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in Polen und Spanien

 

1.     Einleitung

 

Niemand stellt in Frage, dass das Christentum, und im Speziellen die katholische Kirche, deutlichen Einfluss auf die Geschichte Europas hatte. Dieser Einfluss wurde bisher nur selten im Bereich des Wohlfahrtsstaates analysiert, obwohl gerade bei zwei jüngeren Mitgliedern der Europäischen Union die katholische Kirche eine zentrale Rolle spielt. Dies geht soweit, dass in beiden Ländern die nationalen Identitäten mit dem Katholizismus eng verbunden sind. Die Rede ist hierbei von Spanien und Polen. Beide Länder eint mehr als zunächst vermutet wird: Sie sind Teil der OECD, EU und der Nato, haben eine sehr homogene katholische Bevölkerung und kommen beide aus einem totalitären System.

So viele Gemeinsamkeiten sie auch haben, so unterschiedlich scheint ihr Sozialsystem, obwohl sich Beobachterinnen[1] zumindest soweit einig sind, dass es in beiden Ländern nicht ausreichend ist, um die sozialen Probleme abzufedern oder sie zu beseitigen. Das Christentum ist bekannt dafür, dass die Hilfe für sozial Schwache ein Kernelement ihres Glaubens ist. Wie die katholische Kirche diesen Grundsatz in die Gesellschaften Polens und Spaniens eingebracht hat und welche Auswirkungen dies auf die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung hatte und auch heute noch hat, sind die zentralen Punkte dieser Arbeit. Dabei stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt(e) die katholische Kirche in den Wohlfahrtsstaaten Polens und Spaniens?

Da die Theorienbildung in diesem Teilbereich der Wohlfahrtsstaatsforschung noch nicht sehr weit vorgeschritten ist, war es schwierig eine geeignete Theorie zu finden. In dieser Arbeit wurde eine Theorie aus den Ergebnissen des Sammelbandes „Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa“, der aus dem Projekt „Die religiöse Tiefengrammatik des Sozialen – Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“ der Universität Münster hervorgegangen ist, übernommen.

Nach der Präsentation der Theorie werden beide einzelnen Länder kurz vorgestellt und anhand der Theorie die Rolle der katholischen Kirche in der Gesellschaft und im Besonderem im Wohlfahrtsstaat und dessen Entwicklung analysiert. Es wird sich zeigen, dass sich trotz der Gemeinsamkeit einer starken religiös monopolitischen katholischen Kirche der Einfluss deutlich unterscheidet. Es wird die These aufgestellt, dass sich dies auf die unterschiedliche Rolle der katholischen Kirche während der Diktaturen und der damit verbundenen nationalen Identität zurückführen lässt.

Die Entwicklungen der neueren Vergangenheit ab 2008 werden in dieser Arbeit meistens ausgeblendet, da die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in diesen Zeiträumen eng mit der weltweiten Wirtschaftskrise verbunden ist.

 

2.     Der Einfluss der Religion auf den Wohlfahrtsstaat

 

Die Herausgeber des Sammelbandes „Religionen und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa“ Gabriel, Reuter, Kurschat und Leibold fassen im letzten Beitrag des Bandes die Ergebnisse von 13 europäischen Länderstudien, die sich mit dem religiösen Beitrag zur Entwicklung von Sozialstaatlichkeit beschäftigen, zusammen und geben mit Hilfe von David Martins im Jahre 1978 erschienener „General Theory of Secularization“ – eine Theorie über die religiös-politische Entwicklung innerhalb der modernen Gesellschaft – einen theoretischen Rahmen für eine Analyse des Einflusses der katholischen Kirche auf das Wohlfahrtssystem.

Die Wohlfahrtssysteme in jedem Land haben eine komplexe Geschichte, die aus Leitproblemen, Interessenskonflikten und religiös-kulturellen Einflussfaktoren entstanden sind. Eine Typologisierung ist deswegen nur verbunden mit einem großen Informationsverlust möglich. Dies sollte bei jeder Theorie und Analyse bedacht werden.[2]

Bei den zu untersuchenden Ländern stellen sich zwei Fragen, die beantwortet werden müssen: Wie stark ist der Einfluss der Religion und welchen Grad hat die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung? Durch den spezifischen Charakter der Untersuchungsgegenstände erfolgt eine qualitative Einschätzung der Gesamtsituation in jeweils drei Abstufungen: geringer, mittlerer oder hoher religiöser Einfluss und minimale, partielle und volle Ausprägung wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung.[3]

In den meisten katholisch geprägten Ländern ist die katholische Kirche allgegenwärtig, aber ihr Wirken auf den Wohlfahrtsstaat ist beschränkt. Es kann aber gesagt werden, dass, wenn Religion einen großen bis mittleren Einfluss hat, das Wohlfahrtssystem tendenziell partiell bis voll ausgeprägt ist.[4]

Für David Martins Theorie der religionspolitischen Entwicklung in Europa gibt es vier hauptsächliche Komponenten, die alle auf die religionspolitische Entwicklung Einfluss nehmen: Prägende Ereignisse, spezifische religionspolitische Grundmuster, spezifische Ausprägung der Aufklärung und das Verhältnis von Nation zu Religion. Daraus ergeben sich einige Fragen, anhand derer man ein Land in seiner religionspolitischen Entwicklung einordnen kann. Ist ein Land katholisch? Existiert ein religiöses Monopol? Gibt es eine Spirale der Säkularisation? War die nationale Revolution säkularisierend? Hatte die Religion einen einenden Faktor bei einem Feind von außerhalb? In Ländern mit einem starken katholischen Monopol hatten die bürgerlichen und die sozialistischen Revolutionen meist einen militanten säkularen Charakter.[5]

Entscheidend für den Wohlfahrtsstaat ist somit die konfessionelle Prägung, ob ein religiöser Pluralismus oder Monopol existiert, das Verhältnis von Nation zur Religion und die Art und Schärfe des Konflikts der Religion/Kirche zu liberalen und sozialistischen Bewegungen.[6]

Aus sich heraus entwickeln Religionen keine wohlfahrtsstaatliche Produktivität – nur unter bestimmten Rahmenbedingungen – aber sie sind aktive Akteure in einem Staat und haben politische Wirkungskraft. Der Rahmen hat vier Ebenen: eine kulturelle, eine institutionelle, eine organische und eine personelle. Auf der kulturellen Ebene muss in der Religion die Idee einer kollektiven Verantwortung über das Schicksal einzelner Individuen existieren und eine Hochschätzung jedes Menschen. Auch die Existenz einer religiösen Soziallehre ist eine Voraussetzung für die wohlfahrtsstaatliche Produktivität einer Religion, wie auch die Zusammenarbeit der Aufklärung und der Religion. Auf der institutionellen Ebene müssen die religiösen Akteure eigenständige Beiträge leisten, was nur möglich ist, wenn sie institutionell handlungsfähig sind. Ebenso sind auf dieser Ebene wichtig, wie konfliktfähig die Kirche in der öffentlichen Wohlfahrt ist und dass der Konflikt zwischen Staat und Kirche nicht eskaliert. Im Hinblick auf die organisatorischen Rahmenbedingungen braucht es eine Konkurrenz der religiösen Konfessionen – ein katholisches Monopol hemmt eher die Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat. Außerdem erforderlich ist eine starke Selbstorganisation der gläubigen Menschen, welche in spezifischen Gebieten Gruppen bilden, um dort mit eigenen sozialen Zielsetzungen zu arbeiten. Genauso wichtig ist eine Ausbildung koalitionsfähiger politischer Aktionszentren. Die personelle Ebene unterscheidet sich in dieser Hinsicht, da hier einzelne Individuen im Vordergrund stehen, denn historische Entwicklungen brauchten immer Persönlichkeiten, welche Anstöße für diese lieferten. Diese können auch religiöse Menschen sein und in Ländern, in denen Religionen starken wohlfahrtsstaatlichen Einfluss hatten, existierten auch immer solche Persönlichkeiten.[7]

 

3.     Analyse

 

3.1    Vorgehensweise

Im analytischen Teil der Arbeit werden zuerst die beiden Staaten vorgestellt. Dies wird hauptsächlich auf einen groben Umriss des Wohlfahrtsstaates und die Rolle der katholischen Kirche im Land beschränkt. Es folgt eine qualitative Einschätzung der Gesamtsituation in beiden Ländern und die Einteilung in den jeweils drei Abstufungen. Danach wird weiter anhand der Theorie erst die religionspolitische Entwicklung und dann die wohlfahrtstaatliche Produktivität der katholischen Kirche ermittelt.

 

3.2    Qualitative Einschätzung

In Polen wurde am Anfang der Transformation versucht, das Sozialsystem des gescheiterten Sozialismus zu reparieren. Es wurde hierbei nur reagiert, anstatt ein wirkliches gesamtpolitisches Modell zu verfolgen. Erst 1999 kam es zu umfangreichen Reformen. Im Gesundheitswesen wurden im Zuge der Reformen teilweise die staatlichen Gesundheitseinrichtungen kommerzialisiert und ein aus Beiträgen finanziertes Versicherungssystem eingeführt.

Der nationale Gesundheitsfond ist zentralistisch, unflexibel und unterfinanziert. Das Gesundheitssystem kann als katastrophal eingeschätzt werden. Die Rentenreform, die zu einem Drei-Säulen-Modell entwickelt wurde, ist dem modernen Standard eines Wohlfahrtsstaates am nächsten. Das Ziel war es, die Alterssicherung verschieden zu finanzieren, um den Staatshaushalt zu entlasten. Bei der alternden polnischen Gesellschaft und einer hohen Arbeitslosigkeit ist die Säule der umlagefinanzierten Rente auf den Staatshaushalt angewiesen und verursacht damit eine hohe Belastung des Systems. Die strukturelle Arbeitslosigkeit begleitet Polen seit Anfang seiner Transformation. Ungefähr sechzig Prozent sind Langzeitarbeitslose, Arbeitslosigkeit wird teilweise vererbt. Obwohl es seit 2004 ein Wirtschaftswachstum gibt, verbessert dies die Situation nicht, da es durch einen sehr flexiblen Arbeitsmarkt keine Sicherheit für die Beschäftigten gibt. Die Arbeitsmarktpolitik wird durch einen Arbeitsfond finanziert, dessen Mittel hauptsächlich für das Arbeitslosengeld verwendet werden. Dieses ist niedrig und hat sehr hohe Anspruchsbedingungen; die Mehrheit der Arbeitslosen hat keinen Anspruch darauf. [8] Der polnische Wohlfahrtsstaat wird zwar immer wieder reformiert und umgestaltet, doch er ist unflexibel, unzureichend und eine hohe Belastung für den Staatshaushalt. Die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung kann also als minimal, mit einem Hang zur partiellen Ausprägung, eingeschätzt werden.

In Spanien ist der Wohlfahrtsstaat von der jüngeren Geschichte geprägt. Es existiert eine hohe Arbeitslosigkeit und viele prekäre Arbeitsplätze. Das soziale Sicherungssystem orientiert sich hingegen an einer stabilen Erwerbsarbeit als Normalfall. Es kommt zu einem Grundwiderspruch, an dem viele der Probleme festgemacht werden können. Nach dem Tod Francos kam es zu einer Transition zu einer parlamentarischen Monarchie inklusive tiefgreifender Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Zug wurden die Arbeitsbeziehungen im großen Stil dereguliert und die Möglichkeit prekärer Jobs erweitert. Daraus folgte eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, die Spanien immer noch prägt. Das Zentrum der Sozialpolitik ist das System der sozialen Sicherheit, das aus vier öffentlichen Versicherungsträgern besteht. Das Zentrum der Leistungen sind die Gesundheitsvorsorge, die Arbeitslosenunterstützung und die Renten. Das System enthält beitragsabhängige und universelle Leistungen. Die Gesundheitsvorsorge ist frei zugänglich für alle Menschen, auch für illegale Einwanderinnen. Die Arbeitslosenunterstützung hingegen ist schwer zugänglich und sehr niedrig. Nur ein Drittel aller Arbeitslosen hat Anspruch darauf. Die Rentenhöhe ist an Beitragshöhe und Beitragsjahre gekoppelt und fällt tendenziell niedrig aus. Die Grundsicherung in Spanien ist nur rudimentär, zeitlich befristet und nicht existenzsichernd. Zwar gab es nach 2004 umfangreiche Gesetze zur Weiterentwicklung des Wohlfahrtsstaates, doch die Umsetzung blieb mangelhaft und die grundlegende Problematik wurde nicht verändert.[9] Ähnlich wie im polnischen Wohlfahrtsstaat ist das System der sozialen Absicherung nicht ausreichend, besonders durch das universelle und gut funktionierende Gesundheitssystem kann er aber als partiell ausgebaut bewertet werden.

Der Anteil der Katholikinnen an der Gesamtbevölkerung liegt in Polen bei über neunzig Prozent. Durch die Dominanz des Katholizismus kann Polen als katholisches Land bezeichnet werden. Die katholische Kirche ist neben dem Staat die stärkste Institution. Dadurch entstand am Anfang der Transformation die Angst vor einem drohenden Religionsstaat, sowie vor einer Dominanz einer politischen Kirche in Politik und Gesellschaft. Diese Ängste gingen zurück, da sie sich nicht bewahrheiteten. Innerhalb der Gesellschaft ist die Akzeptanz der kulturellen Rolle und der ständigen Präsenz der katholischen Kirche im öffentlichen Leben sehr hoch.[10] Der Katholizismus ist durch die Geschichte des häufigen und langen Souveränitätsverlustes des Staates eng mit dem polnischen Nationalismus verbunden. Nationalkultur ist mit der katholischen Kultur verschmolzen. Die katholischen Riten spielen genau aus dieser für den polnischen Katholizismus bezeichnenden Verbundenheit eine große Rolle, obwohl die Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft stetig abnimmt.[11] Da die polnische Politik trotz der großen Präsenz der Kirche in der Gesellschaft nicht übermäßig katholisch geprägt wurde, kann ein mittlerer Einfluss festgestellt werden.

In Spanien sind über neunzig Prozent der Menschen katholisch, obwohl die Kirche eine immer geringere Rolle in deren Leben spielt. Die Religiosität im Allgemeinen ist immer noch sehr groß, es zeigt sich aber eine Distanzierung der offiziellen Lehre der katholischen Kirche – außer bei sozialen Fragen, in denen die Kirche eine progressive Haltung einnimmt. Eine Beteiligung der Kirche am politischen Leben ist nicht erwünscht. Religiöse Riten und Traditionen haben immer noch einen hohen Stellenwert. Dies kann auf die identitätsstiftende Rolle des Katholizismus in Spanien zurückgeführt werden.[12] Wie im idealtypischen katholisch geprägten Staat ist die Kirche in der Gesellschaft allgegenwärtig. Eine aktive Rolle der Kirche innerhalb politischer und gesellschaftlicher Fragen wird zu großen Teil abgelehnt. Durch die Verknüpfung der spanischen Nationalidentität mit Katholizismus kann aber trotzdem von einem mittleren Einfluss der Kirche gesprochen werden.

 

3.3    Religionspolitische Entwicklung

 

In beiden Ländern ist der überwiegende Teil der Gesellschaft katholisch und auch heute noch existiert ein Monopol der katholischen Kirche in weiten Teilen. Dieses Monopol war in der Geschichte und somit während der Entwicklung des Wohlfahrtstaates noch deutlicher ausgeprägt.

In Spanien war der Staat seit dem 15. Jahrhundert eng mit der katholischen Kirche verbunden. Ab der Aufklärung kam es allerdings immer wieder zu Konflikten mit liberalen und sozialistischen Strömungen. Mit der Akzeptanz der Enteignung der Kirche wurde der Katholizismus offiziell Religion der spanischen Nation. In der zweiten Republik (von 1931-36) kam es zu heftigen Konflikten zwischen Staat und Kirche. Dies führte dazu, dass die Kirche sich im Bürgerkrieg auf die Seite des putschenden Militärs stellte.[13]

Die liberalen und sozialistischen Bewegungen waren in Spanien stark gegen die katholische Kirche gerichtet. Diese Spannung eskalierte spätestens im spanischen Bürgerkrieg. Diesen gewann General Franco, der die katholische Kirche erneut zur Religion Spaniens machte. Dieser Schulterschluss half dem faschistischen System zu einer Legitimation und die Kirche bekam im Gegenzug ihren Anteil an der weltlichen Macht.[14] Die liberale und die sozialistische Revolution waren zwar antiklerikal, durch den Sieg der Konterrevolution verlor dies aber an Bedeutung.

Durch die spezifische Geschichte des polnischen Staates und seiner Nichtexistenz kam es nicht zu den klassischen liberalen und sozialistischen Revolutionen. Polen war zwischen 1795 bis 1918 aufgeteilt zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Russland. Unter den verschiedenen Fremdherrschaften entwickelten sich drei verschiedene Strömungen: Der Nationalismus, welcher dann Ausdruck in den nationalen Aufständen fand, der Katholizismus, der ab dem 19. Jahrhundert stark mit dem Nationalismus verbunden war und der Sozialismus, der sich vor allem in den Gebieten der russischen Fremdherrschaft entwickelte. Kaum Einfluss hingegen hatten liberale und bäuerliche Strömungen.[15] Es kam sozusagen kaum zu Konflikten der Kirche mit liberalen und sozialistischen Bewegungen. Die große Revolution gegen die Fremdherrschaft war eine nationalistisch-katholische.[16] Das sozialistische Regime nach dem zweiten Weltkrieg war ein von außerhalb aufgesetztes und wird in Polen auch als Fremdherrschaft angesehen. Im sozialistischen Polen existierte dann die Konfliktline gegenüber der oppositionellen Kirche. Dieser Konflikt hat immer noch Auswirkungen.[17]

Die katholische Kirche wirkte in Polen einend gegen einen äußeren Feind, erst als Abgrenzung zu dem protestantischen Preußen und dem orthodoxen Russland und später gegen das nicht selbstgewählte sozialistische Regime. In Spanien teilte der Bürgerkrieg die Gesellschaft, der Feind der katholischen Kirche war ein innerer. Trotzdem einte sie später die Nation und wurde immer mehr zum Kritiker des faschistischen Systems.[18]

 

3.4    Wohlfahrtsstaatliche Produktion

 

3.4.1        Kulturelle Ebene

 

Durch die Bedrohung durch liberale und sozialistische Strömungen vor und während der zweiten Republik Spaniens entwickelte die katholische Kirche dort eine Soziallehre mit folgenden Eckpunkten: Der Mensch als soziales Wesen, die Familie als kleinste Einheit der Gesellschaft und die Erziehung.[19]

Die katholische Soziallehre (KSL) hatte in der polnischen Untergrundopposition im sozialistischen System einen hohen Stellenwert. Auch in der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc wurden die Sozialgedanken der KSL – Solidarität, Sozialausgleich und eine soziale Rahmenbedingung für eine freie Wirtschaft – diskutiert. In der Verfassung der dritten polnischen Republik von 1997 gab es zwar viele Bezüge zur KSL, ihre faktische Wirkung auf das soziale System war allerdings gering. Die Aufmerksamkeit auf ihr ist nicht mehr so hoch wie am Anfang der Transformation, aber sie ist immer noch Teil von Diskursen innerhalb der Gesellschaft und der Politik.[20]

Die katholische Soziallehre ist in beiden Ländern vorhanden und ausgeprägt. Sie beruht auf ein soziales und gerechtes Zusammenleben und bezieht sich auch auf die einzelnen Individuen. Die Aufklärung und die katholische Kirche standen sich in Spanien teilweise feindlich gegenüber. In Polen kann auch keine Zusammenarbeit erkannt werden.

 

 

3.4.2        Institutionelle Ebene

 

Am Anfang der Transformation wurde der im Sozialismus abgeschaffte schulische Religionsunterricht wieder eingeführt. Dies geschah durch gemeinsame Verhandlungen der katholischen Kirche mit politischen Eliten.[21] Im Bildungsbereich war dies zwar nur ein kleiner, aber der erste Schritt zu einer Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat im Wohlfahrtsstaat. Der Kontakt zu den Eliten ist aber immer schwieriger geworden und ist nur noch selten erfolgreich.[22]

In Spanien waren die Beziehungen der katholischen Kirche zu den nationalen Regierungen meistens sehr konstruktiv. Besonders auf der Ebene der sozialen Absicherung wird das Engagement der Kirche begrüßt, da die Fehler des staatlichen Wohlfahrtsstaats damit abgemildert werden. Die Zusammenarbeit auf diesem Feld ist umfangreich. Die Kirche hat um die 3000 Einrichtungen, die zu großen Teilen vom Staat finanziert werden, welche ca. 1,2 Millionen bedürftige Menschen erreichen. Die größte Rolle spielt die Kirche aber im privaten Bildungsbereich mit 7.500 Lehranstalten (auf allen Bildungsebenen) und 1,7 Millionen Schülerinnen.[23] Die Annäherung und Zusammenarbeit verlief allerdings nicht konfliktfrei: Der Staat finanziert die laufenden Kosten der kirchlichen Bildungseinrichtungen und versuchte immer wieder auf diese Einfluss zu nehmen. Die katholische Kirche wehrte sich mit wechselnden Erfolg.[24]

Die katholische Kirche ist in Spanien wie auch in Polen als aktiv handelnde Institution aufgetreten. Im Bereich der Wohlfahrt kam es in Spanien aber häufiger zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Staat und Kirche als in Polen. Dies scheitert nicht daran, dass die Konflikte mit dem Staat in Polen größer sind, sondern an der andersartigen Verknüpfung der Eliten: In Spanien ist die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche traditionell verankert, in Polen hingegen erst an ihrem Anfang.

 

3.4.3 Organisatorische Ebene

 

Die ehrenamtliche Arbeit war unter Franco den Frauen zugeordnet und wird auch in der Demokratie hauptsächlich von diesen ausgeführt. Die meisten kirchlichen karitativen Einrichtungen werden von weiblichen Ordensgemeinschaften organisiert, die auf deren ehrenamtliche Arbeit angewiesen sind. Die wichtigste dieser Organisationen ist die spanische Caritas, deren Unterteilungen sich auf verschiedene soziale Probleme spezialisiert haben und lokal in den verschiedenen Pfarrgemeinden, direkt bei den Betroffenen, aktiv sind.[25]

In Polen entstanden nach dem Systemwechsel viele Laienverbände, welche die katholische Kirche innerhalb der Gesellschaft repräsentieren. Ungefähr engagieren sich dort zwei Millionen Menschen, obwohl eine hohe Fluktuationsrate existiert. Ihr Hauptinteresse liegt in der Verbreitung der kirchlichen Lehre in den verschiedenen Teilbereichen, in denen sie aktiv sind. Es ist ein Zeichen, dass die Gesellschaft aus eigenen Antrieb aktiv wird, um zu helfen. Die Gruppen suchen aktiv nach Problemfeldern, erkennen und bearbeiten sie. Es existieren aber viele Organisationen mit denselben Zielen und da es kaum zu Koalitionen unter ihnen kommt, wird viel aneinander vorbei gearbeitet.[26]

Weder in Polen noch in Spanien kann ein wirklicher religiöser Pluralismus gefunden werden. In beiden Staaten hat die katholische Kirche einen besonderen Status und ist eng mit der nationalen Identität verknüpft. In beiden Fällen musste sich die Kirche erst nach dem Ende der Diktatur mit dem Pluralismus auseinandersetzen. Die gläubigen Menschen haben sich in beiden Ländern organisiert und engagieren sich ehrenamtlich in sozialen Einrichtungen. In Spanien sind diese Gruppen aber deutlich besser in das staatliche System eingebunden. In Polen hingegen sind die Organisationen nicht so eng an die Kirchenstruktur gebunden.

 

3.4.4 Personelle Ebene

 

Deutlichen Einfluss auf den polnischen Sozialstaat hatten einzelne „radikale“ Persönlichkeiten, welche sich deutlich für das Lösen der sozialen Fragen einsetzten. Diese, mit einem starker Sensibilität gegen Unrecht ausgestattet, waren meistens Sozialistinnen, aber auch Katholikinnen. Ihr Einsatz hat nachhaltigen Einfluss bis in den heutigen Diskurs.[27]

Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), welches unter anderem die allgemeinen Menschenrechte anerkannte, wurden Teile der spanischen katholischen Kirche immer kritischer gegenüber dem faschistischen Regime. Junge Arbeiterpriester schlossen sich z.B. den Forderungen der Arbeiter an. Es ging so weit, dass es sogar zu Verhaftungen und Verurteilungen kam.[28]

Die spanischen und polnischen katholischen Persönlichkeiten, welche sich wohlfahrtsstaatlich engagierten, entwickelten keine so große Wirkungskraft wie religiös geprägte Menschen in anderen Staaten. In Polen konnte nach dem zweiten Weltkrieg keine christdemokratische Tradition entstehen, aus der sich solche Persönlichkeiten herausbilden hätte können. Innerhalb des polnischen Sozialismus war die katholische Kirche die Opposition und hatte dadurch keinen Einfluss auf den Wohlfahrtsstaat. In Spanien hingegen waren die Beteiligung der katholischen Kirche an der faschistischen Diktatur und der politische Rückzug in der Demokratie nicht die besten Voraussetzungen für wichtige sozialpolitische Akteure.

 

4.     Fazit

 

Durch eine qualitative Einschätzung der Gesamtsituation kann festgestellt werden, dass in Polen ein mittlerer Einfluss der katholischen Kirche und ein minimaler bis partiell ausgeprägter Wohlfahrtsstaat existiert. Die Situation im Hinblick auf den katholischen Einfluss ist in Spanien ähnlich, die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung hingegen ist partiell ausgeprägt.

Die Rahmenbedingungen für eine wohlfahrtsstaatliche Produktivität einer Religion sind nur ansatzweise erfüllt und erklären, warum trotz der Omnipräsenz der katholischen Kirche ihr Einfluss auf die Politik und insbesondere der Sozialpolitik nur mittel ausfällt.

Die schlechte Situation des Wohlfahrtstaates hat aber in beiden Ländern ihre Ursache eher in ihrer politischen und wirtschaftlichen Umwandlung und den damit verknüpften Problemen, als in der Religion.

Ein Grund, warum Spaniens Wohlfahrtsstaat besser funktioniert, ist die gute Einbindung der kirchlichen Einrichtungen im sozialen Bereich. Dies wird in Polen ansatzweise auch versucht, ist dort aber auch noch mit hohen Reibungsverlusten verbunden. Auch sind die polnischen katholischen sozialen Einrichtungen nicht so gut aufgestellt wie die spanischen Gegenstücke. Beides kann auf die unterschiedliche Rolle der katholischen Kirche innerhalb der jeweiligen Diktatur zurückgeführt werden. In Spanien war das Verhältnis zwischen Staat und Kirche ein kooperatives, in Polen hingegen ein oppositionelles.

Die politische Rolle der katholischen Kirche wird in beiden Ländern mit der fortschreitenden europaweiten Säkularisierung immer geringer werden. Auf der Ebene des Wohlfahrtsstaates, besonders in der Bildung und in der sozialen Direkthilfe, wird eine Zusammenarbeit in Zukunft noch intensiver geführt werden.

[1] Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich auf männliche Formulierungen verzichtet; es versteht sich von selbst, dass damit keinerlei Diskriminierung beabsichtigt ist. Handelt es sich nur um Menschen, die sich selbst männlich definieren, oder bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie dies tun, wird die männliche Formulierung doch genutzt. Das Verwenden des sogenannten generischen Femininums ist ein politisches Statement zur ständigen Verwendung des generischen Maskulinums.

[2] Vgl. Karl, Gabriel; Hans-Richard, Reuter; Andreas, Kurschat und Stefan Leibold, 2013: „Auswertung: Konfigurationen, Cluster und religionspolitische Typen der Wohlfahrtstaatsentwicklung in Europa“ in Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa S. 467-500, Autoren auch Hrsg., Tübingen: Mohr Siebeck, S.468.

[3] Vgl. Ebd. S. 468-469.

[4] Vgl. Ebd. S. 483-484.

[5] Vgl. Ebd. S. 485-487.

[6] Vgl. Ebd. S. 488.

[7] Vgl. Ebd. S. 494-499.

[8] Vgl. Dieter, Bingen, 2014: „Polen“ in Handbuch Europäischer Sozialpolitiken S. 156-161, Markus, Porsche-Ludwig; Jürgen, Bellers und Wolfgang, Gieler (Hrsg.), Berlin: Lit Verlag.

[9] Vgl. Andreas, Baumer, 2014: „Spanien“ in Handbuch Europäischer Sozialpolitiken S. 198-201, Markus, Porsche-Ludwig; Jürgen, Bellers und Wolfgang, Gieler (Hrsg.), Berlin: Lit Verlag.

[10] Vgl. Stanislaw, Jopek, 2003: „Polen“ in Katholische Kirche und Zivilgesellschaft in Osteuropa S.37-143, Manfred, Spieker (Hrsg.), Paderborn: Ferdinand Schöningh, S. 39-42.

[11] Vgl. Ebd. S. 53.

[12] Vgl. Dieter, Nohlen; Andreas, Hildebrand, 2005: „Spanien – Wirtschaft – Gesellschaft – Politik.“, Wiesbaden: VS Verlag, S. 217-218.

[13] Vgl. Ebd. S. 220.

[14] Vgl. Ebd. S. 220 -221.

[15] Vgl. Krzysztof, Piątek, 2001: „Sozialstaat in Polen: Von der Teilung Polens über den Realsozialismus zum aktuellen Transformationsprozess“ in Sozialstaat in Europa – Geschichte – Entwicklung – Perspektiven, S. 201-224, Katrin, Kraus; Thomas, Geisen (Hrsg.), Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 203-204.

[16] Vgl. Jopek a.a.O. S. 53.

[17] Vgl. Ebd. S. 113.

[18] Vgl. Nohlen; Hildebrand a.a.O. S.221.

[19] Elisa, Chuliá; Víctor, Pérez-Díaz; Berta, Álvarez-Miranda; Joaquin P., López Novo, 2013: „Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Spanien – Katholizismus, soziale Werte und das Wohlfahrtsystem“ in Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa S. 367-399, Karl, Gabriel; Hans-Richard, Reuter; Andreas, Kurschat und Stefan Leibold (Hrsg.), Tübingen: Mohr Siebeck, S.287-288.

[20] Vgl. Stanislaw, Fel, 2013: „Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Polen – Zwischen Sozialkatholizismus und Marktwirtschaft“ in Religion und Wohlfahrtsstaatlichkeit in Europa S. 279-305, Karl, Gabriel; Hans-Richard, Reuter; Andreas, Kurschat und Stefan Leibold (Hrsg.), Tübingen: Mohr Siebeck, S.287-288.

[21] Vgl. Jopek a.a.O. S. 90.

[22] Vgl. Ebd. S. 104.

[23] Vgl. Nohlen; Hildebrand a.a.O. S.219.

[24] Vgl. Ebd. S. 222-224.

[25]Vgl. Chuliá; Pérez-Díaz; Álvarez-Miranda; López Novo a.a.O. 378-379.

[26] Vgl. Jopek a.a.O. S. 87-89.

[27] Vgl. Piątek a.a.O. S. 205.

[28] Vgl. Nohlen; Hildebrand a.a.O. S.221.

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