Nationalismus in Polen: Grant oder Untergang der Transformation

Eine Untersuchung des Nationalismus und seiner Auswirkungen

1.     Einleitung

 

Die aktuelle Krise in der Ukraine und insbesondere die Rolle Russlands in diesem Konflikt lässt die europäische Öffentlichkeit wieder bewusst werden, wie anfällig der europäische Frieden ist. Der Zusammenbruch des sowjetsozialistischen Systems ist noch näher an der Gegenwart, als die meisten wahrnehmen wollen.

In den ehemaligen Ostblockländern, welche sich bei der Osterweiterung der Nato und der EU an „den Westen“ gebunden haben, ist eine Bedrohungslage durch ein imperialistisches Russland mindestens in der Rhetorik und der Theorie schon seit den Anfängen der Transformation gegeben. Die „Grenzländer“ des westlichen Verteidigungsbündnisses verlangen stärkere Militärpräsenz der Partner, insbesondere der USA.[1]

In Polen gab es diese Diskussionen auch schon in den 90er Jahren[2] und durch ihre historischen Feinde und Nachbarn, Deutschland und Russland, band man sich sehr zielstrebig an die USA. Die Angst des gerade erst seine Souveränität zurück gewonnenen Volkes vor einem erneuten Verschwinden des Staates Polen, wurde von verschiedenen Eliten aus unterschiedlichsten Motiven geschürt. Mit diesem politisch gewollten Nationalismus in der Transformation Polens wird sich dieser Text beschäftigen.

Nationalismus wird hier nach der Definition von Ernst Geller verstanden, die Jerzy Macków erweiterte:

Nationalismus ist das politische Prinzip, das politische, nationale Einheit und eine nationale Selbstbestimmung fordert. [3]

Dieser wird mit dem Ansatz von Jerzy Macków, welchen er in einem Teil eines Zeitschriftaufsatzes von 1999 unter der Unterüberschrift „Geschichte als Legitimation von postkommunistischer Herrschaft“ aufzeigte, behandelt. In Bezug auf diesen Text wird die Frage gestellt: „Welche Auswirkungen hatte der Nationalismus auf die Transformation Polens?“. Die beiden Untersuchungsausschnitte, die behandelt werden, sind zum einen der Weg zur neuen polnischen Verfassung 1997 und zum anderen die Diskussion um den Beitritt Polens in die EU. Untersucht werden neben der Bevölkerung insbesondere die politischen Eliten und Parteien, da meistens keine tiefen gesellschaftlichen Debatten, durch eine auch in Polen immer noch schwach ausgeprägte politische Beteiligung, stattfanden. Auffällig hierbei ist, dass die Eliten sehr ähnlich agieren und in vielen Themen ein unausgesprochener Konsens liegt. Ins Auge fällt dabei auch, dass die Rhetorik sehr nationalistisch geprägt ist, die Akteure sich aber auf internationaler und besonders auf europäischer Ebene deutlich supranational verhalten. Es scheinen historisch nachvollziehbare Ängste den Diskurs zu prägen und dadurch der Ursprung einer EU-Skepsis zu sein, aber anderseits ist das historische Erbe auch Grund für den Eintritt in die EU.

2. „Geschichte als Legitimation“ – Theorieansatz

 

Nationen sind in der Weltgeschichte eine sehr junge Erscheinung. In Europa gab es jahrhundertelang Königreiche und Fürstentümer mit sehr undefinierten Grenzen. Innerhalb dieser lebten Menschen unterschiedlichster Kultur und Sprache zusammen. Die Idee, dass innerhalb von Staatsgrenzen nur eine bestimmte Ethnie mit X-Gemeinsamkeiten leben soll, erscheint erst mit dem Aufkommen des Nationalismus. Polen hatte in seiner Geschichte als Staat sehr schlechte Erfahrungen mit nationalistischen Bestrebungen seiner Nachbarn Deutschland und Russland gemacht. Das führte unter anderem zum kompletten Verschwinden des Staates Polen im zweiten Weltkrieg. Nach der Unabhängigkeit Polens, die mit dem Zerfall der Sowjetunion kam, ist interessant, ob und wie der Nationalismus dort eine Rolle spielt. Jerzy Macków erarbeitete innerhalb des Unterpunktes „Geschichte als Legitimation der postkommunistischen Herrschaft?“ des Aufsatzes „Der Wandel des kommunistischen Totalitarismus und die postkommunistische Systemtransformation“ Kriterien heraus, wie die Geschichte einer Nation in den ex-sowjetischen Staaten als Legitimationsgrundlage genutzt werden kann.[4]

Die Geschichte ist das Identifikationsmerkmal für nationalistische Bestrebungen. Ob es um die Definition eines Erbfeindes oder die Eingrenzung des Staatsgebietes geht, historische Begebenheiten werden dafür immer herangezogen. Im postsowjetischen Raum spricht man von „Völkern ohne Geschichte“. Die Bevölkerung hat keine Kenntnis oder nur eine verfälschte über den historischen Kontext in dem sie lebt. Die sowjetsozialistischen Systeme versuchten in ihrem totalitären Charakter die Geschichte einzelner Ethnien komplett zu eliminieren und auch die Geschehnisse innerhalb des System zu verklären um die eigene Herrschaft zu legitimeren, sich besser darzustellen, den „Klassenfeind“ zu delegitimieren und eigene Verbrechen zu vertuschen. Dies führte zu zwei Problemen: Zum einen, dass der Großteil der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch keine oder nur falsche Informationen über die Geschichte vor der Machtübernahme der Kommunisten hatte und zum anderen, dass die Geschichtskenntnisse über die Zeit innerhalb des Systems stark ideologisiert und mit Lügen geschmückt sind. Zu untersuchen ist hier, wie weit die Bevölkerung innerhalb eines Transformationsstaates indoktriniert ist und welchen Einfluss dies im Untersuchungszeitraum hatte.[5]

Die Aufarbeitung der Geschichte war und ist somit ein Abheben von der Zeit des Kommunismus und deswegen in vielen Transformationsstaaten auf der politischen Tagesordnung der „neuen“ antikommunistischen Eliten. In der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten wurde, je näher sie dem Ende kamen, Nationalismus immer mehr als Ausgleich der schwächer werdenden Ideologie genutzt. Heute wird der Nationalismus in den Nachfolgerstaaten ganz bewusst als „neue“ Ideologie begriffen, um das komplette Fehlen einer Staatsideologie zu kompensieren. Hier gilt es zu untersuchen ob es eine bewusste Suche nach einer neuen nationalen Idee gibt und wie intensiv diese geführt wird. [6]

Wenn sie geführt wird, dann durch die politischen Eliten. Ihr Handeln ist in einer durch den Kommunismus zerstörten Gesellschaft von höherer Bedeutung. Ob und wie die postkommunistischen Eliten die Vergangenheit aufarbeiteten und ob und wie sie diese im politischen Diskurs eingesetzt haben ist der wichtigste Untersuchungspunkt um den Stellenwert des Nationalismus in einem Transformationsstaat zu erforschen. Davon unabhängig hat sich in der Transformationsforschung der Konsens herausgebildet, dass die Geschichte vor dem Kommunismus, egal ob innerhalb der Eliten thematisiert oder nicht, elementar die Entwicklung innerhalb der Transformation beeinflusst. Es zeigen sich Muster, die zu einer erfolgreichen Entwicklung hin zur Demokratie und zur Marktwirtschaft führen. Insbesondere das Verhalten der Eliten zur Geschichte ist ausschlaggebend. Wird die Geschichte zu positiv in Szene gesetzt und zu häufig als politischer Hintergrund ausgerufen ist die Tendenz zum Scheitern der Transformation deutlich höher als ein erfolgreicher Weg zur marktwirtschaftlichen Demokratie. [7]

Gibt es ein ehrliches Bestreben der Eliten zur Demokratie, ist ein Verzicht auf eine verklärte Geschichte als Legitimation zu beobachten. Daraus abgeleitet ist der Umgang der Eliten mit der Vergangenheit ein Kriterium, um zu beurteilen ob eine Transformation erfolgreich verläuft. Wenn die Aufarbeitung und Ablehnung der totalitären Herrschaft höher gestellt ist als die Verklärung der Geschichte, ist dies ein deutliches Zeichen einer funktionierenden Transformation. [8]

Auch dies muss auf Polen im Untersuchungsausschnitt betrachtet werden.

3.     Indoktrination der Gesellschaft und ihre Auswirkungen

 

Der Kommunismus hinterlässt in den Gesellschaften, in denen er herrschte, deutliche Spuren. Durch die Vereinnahmung von diesen durch den Parteienstaat, gibt es in ihnen so gut wie keine außerstaatlichen Strukturen. Das kann in jedem der ehemaligen Ostblockstaaten beobachtet werden, obwohl in Polen dieses Phänomen deutlich abgeschwächter auftrat, als in anderen ex-sowjet Staaten. [9]

Dies kann auf die historische Entwicklung Polens zurückgeführt werden, da spätestens nach 1980 nicht mehr allein die Partei mit Hilfe des Staates, sondern auch die Solidarność Gewerkschaft und die katholische Kirche starken Einfluss in der Gesellschaft hatten. Auch wenn die kommunistischen Eliten versuchten ihren Einfluss wieder auszubauen und insbesondere die Solidarność Bewegung zu unterdrücken, gelang es der polnischen Einheitspartei, der PZPR, nicht mehr die Gesellschaft einzunehmen, wenn sie dies überhaupt vor 1980 geschafft hatte. Die Solidarność Bewegung hatte, durch fast 10 Millionen Gewerkschaftler, eine sehr hohe Legitimation um für das polnische Volk zu sprechen. Selbst 1/3 der PZPR Mitglieder waren in der Solidarność. [10]

1980-85 kam es dann zu der ersten empirischen Sozialforschung in Polen, welche in der noch sowjetsozialistischen Gesellschaft vier relativ gleich große Gruppen ausmachte: Die Unterstützer des alten Systems, die Gegner des selbigen, die Ambivalenten und die Zurückgezogenen.[11]

Diese Bevölkerungsgruppen waren es auch, welche beim Transformationsprozess vom Sowjetsozialismus hin zur Demokratie und Marktwirtschaft mehr oder weniger teilnahmen. Besonders die letzten beiden Gruppen zeichnen sich eher durch ihre Nichtteilnahme an diesem aus. Aber auch die andere Hälfte der Bevölkerung nimmt sporadisch an den politischen Debatten teil, unter anderem, weil die Expertise an die politischen Eliten gebunden ist.[12]

Durch das mehrmalige, von den Nachbarstaaten verursachte, Verschwinden des Staates Polen waren „die da oben“ meistens eine fremde Macht. Der Kampf gegen den Staat wurde so zur patriotischen Pflicht jedes Bürgers. In der Zeit dieser Unfreiheit bezog man sich hauptsächlich auf die Geschichte Polens, um Hoffnung zu haben. [13] Nationale Denker entwarfen unter anderem eine historische und religiöse Mission: Polen wird Europa und das christliche Abendland befreien und erretten. Diese Überlegungen flossen auch in die Dichtungen der Zeit ein und wurden Identität stiftend für die polnische Bevölkerung innerhalb ihrer Staaten. [14] Dieser Geschichtsbezug ist auch in den heutigen politischen Diskussionen vorhanden. Politiker*innen nutzen geschichtliche Fakten als Argumentationsgrundlage und bestimmte Gegebenheiten wurden zu festen Begriffen in Debatten. Um diese Rhetorik zu verstehen muss die Bevölkerung Kenntnisse über die polnische Geschichte haben und dies hat sie in großen Teilen auch.[15] Dieses Geschichtswissen existierte auch in der Zeit der kommunistischen Herrschaft, wenn auch durch den Staat Fehlinformationen verbreitet wurden. Die kommunistische Indoktrination war im Hinblick auf die Geschichte sehr gering. Die Geschichte war und ist hauptsächlich nationalistisch geprägt.

Bei den Debatten der Untersuchungsabschnitte nahm die Bevölkerung nur bedingt Teil. Die endgültigen Entscheidungen wurden zwar beide Male am Ende durch ein Referendum bestätigt, aber bei beiden war die Beteiligung sehr gering. Die kontroversen Diskussionen wurden hauptsächlich von rechten Gruppierungen angeheizt, eine gesellschaftliche Diskussion fand nicht statt. Dies lag unter anderem daran, dass so gut wie alle Menschen mit Hintergrundwissen in die politischen Prozesse eingebunden waren. Besonders bei den EU Beitrittsbemühungen war dieser Effekt zu beobachten.[16]

Am 2 April 1997 stimmte die Nationalversammlung der Verfassung zu. Es folgte das vorgesehene Volksreferendum. Trotz einer emotionalen Debatte innerhalb der Eliten und einer großen Anti-Verfassungs-Kampagne von einem großen Bündnis Konservativer bis Nationalisten war die Beteiligung der Wähler*innen gering. Die Verfassung wurde mit einer knappen Mehrheit von 52,7% angenommen.[17]

2003 kam es zum Referendum zu dem Eintritt in die Europäische Union. Das Ergebnis fiel regional sehr unterschiedlich aus. Dort wo der Kontakt zu Deutschland und somit zur EU da war, gab es eine deutlich größere Zustimmung, als dort wo es so gut wie keinen Kontakt gab.[18] Diese Zustimmung war mit Hoffnung verknüpft. Um die 2000 Wende wurde die Transformation als hauptsächlich schlecht für die Menschen beurteilt.[19] Mit dem EU-Beitritt wurde eine Verbesserung der Transformationsschmerzen erhofft.[20]

Eine Indoktrination der Gesellschaft fand im kommunistischen System kaum Anklang in der Bevölkerung. Sie hat ein großes geschichtliches Wissen mit dem sie politische Diskussionen reflektieren kann. Großflächige, öffentliche Debatten finden, wie in vielen anderen Transformationsstaaten, kaum statt. Die Gesellschaft ist immer noch geschwächt durch die Zeit des Kommunismus.

4.     Rhetorik, Einstellung und die Politik der Eliten

 

Durch den friedlichen Machtwechsel kam es in Polen zunächst nicht zu einer Abrechnung mit dem alten System. Die kommunistischen Eliten waren lange Zeit immer noch in den Entscheidungsstrukturen eingebunden. Erst durch die Parlamentswahlen 91, in denen sich die Mehrheitsverhältnisse veränderten, kam es zu der ersten Aufarbeitung. Diese „Entkommunisierung“ wurde aber als politische Waffe zur Diffamierung missbraucht, welche sie in den Augen der Öffentlichkeit lange diskreditierte.[21]

Es kam unter den Antikommunisten innerhalb der Zeit der Runden Tische zu Machtkämpfen um die Deutungshoheit. An den Runden Tischen nahmen nur die gemäßigten Gegner und nicht die „Hardliner“ teil. Einige Politiker mussten sich im Nachhinein vorwerfen lassen, dass sie als Oppositionelle im kommunistischen System mit den Machthabern kooperierten. Innerhalb der antikommunistischen, wie auch den ex-kommunistischen Eliten kam es zu unterschiedlichen Auslegungen über die Zeit der Transformation und auch die Zeit innerhalb des Sowjetsozialismus. Diese sogenannte „Geschichtspolitik“ führte u.a. zu konkurrierenden Gedenk- und Jubiläumsfeiern.[22]

Durch schwammige Formulierungen in den Absprachen an den Runden Tischen gab es zwar eine hohe Flexibilität, wie man die Transformation gestalten sollte, aber es setzte auch eine hohe Kooperationsbereitschaft eines Großteiles der Eliten voraus. Im Prozess der Verfassungsgebung war es vorteilhaft, dass sich das rechte Lager vor der Parlamentswahl 91 zersplitterte und die meisten der rechten Splitterparteien es nicht ins Parlament schafften. Durch diese Unterrepräsentation stellte sich zwar die Legitimationsfrage, aber die Prozesse zur Verfassungsgebung wurden beschleunigt. Diese dauerten trotzdem bis in die Vorwahlkampfzeit 1997.[23]

Die inhaltliche Debatte drehte sich hauptsächlich um drei Fragen: Die des Regierungssystems, der sozialen Absicherungen und um die Rolle der katholischen Kirche. Die Frage der antikommunistischen Abrechnung stellte sich nicht und somit wurde in der Verfassungspräambel eine Verurteilung der Volksrepublik als fremde Herrschaft und der Ausruf der dritten Polnischen Republik festgeschrieben. Am 2. April 1997 wurde die neue Verfassung dann von einer linken und liberalen Mehrheit in der Nationalversammlung angenommen.[24] Das, obwohl es zu einer Kooperation zwischen Konservativen und extremen Nationalisten kam um dies zu vereiteln.[25]

Nicht nur die Eliten im politischen System sind als politische Eliten zu verstehen. Auch die katholische Kirche nimmt in Polen eine große Rolle in der Politik ein. Sie machte sich große Verdienste in der Volksrepublik, unter anderem, nachdem sie nach der Wahl eines polnischen Geistlichen zum Oberhaupt der katholischen Kirche 1978 erstarkte und dann offiziell die Oppositionsbewegung unterstützte.[26]

In der Elitendebatte des EU Beitritts war sie lange Zeit auf der Seite der Skeptiker, aus Angst, dass die Traditionen und das christliche Profil Polens verloren gehen könnten. Diese Skepsis verlor sich um 1996. Selbst der Papst sprach sich offiziell für einen EU Beitritt Polens aus.[27]

Bei der Frage um die neue Rolle Polens in Europa kam es erneut zum Streit zwischen „rechten“ und „linken“ Kräften. Die Frage, ob Polen zu Europa gehört oder nicht, stellte sich hingegen gar nicht, da die große Mehrheit Polen schon immer als Teil Europas sah.[28] Diesmal war der Widerstand deutlich breiter. Angestachelt wurde er von populistischen Nationalisten und konservativen Katholiken.[29]

Sie beriefen sich auf ein Europabild, das sehr veraltet war, teilweise waren ihre Befürchtungen, in welche Richtung die EU gehen könnte, dort schon lange Realität. Die „Linken“ hingegen wurden zu einer pro-europäischen Kraft, ohne teilweise wirklich intensiv darüber diskutiert gehabt zu haben. Die Rechten hatten Angst vor nationalem Souveränitätsverlust und die EU-Befürworter, die teilweise sogar pro Europäischer Föderation waren, trauten sich nicht öffentlich dagegen zu argumentieren, weil sie nicht als unpatriotisch gelten wollten. Die EU-Gegner dominierten deswegen die Diskussion. Es existierte zwischen den Eliten fast aller Lager ein unausgesprochener Konsens und der beinhalte u.a. die Westbindung, die freie Marktwirtschaft und die Demokratie. Die Konflikte über die EU wurden immer innerhalb dieses Konsenses ausgetragen.[30]

Die Eliten, insbesondere die Rechten, nutzten in den Untersuchungszeiträumen sehr nationalstaatliche Rhetorik, wegen der Angst vor der Nichtakzeptanz der Bevölkerung und dem daraus folgenden Machtverlust. Die polnischen Interessen waren gegenläufig zu dieser Rhetorik, was dazu führte, dass die europäische Integration trotzdem vorangetrieben wurde, welche schlussendlich auch 2003 in die Unterzeichnung der Beitrittserklärung in die EU mündete.[31]

5.     Die Diversität des Nationalismus im polnischen Parteiensystem

 

Das polnische parlamentarische System ist gekennzeichnet mit einem in Transformationsstaaten üblichen, instabilen Parteiensystem. Regierungsparteien werden hart abgestraft, Parteien zersplittern und Neugründungen schaffen es in kurzer Zeit einen beachtlichen Teil der Wählerschaft hinter sich zu vereinen. Die polnischen Parteien können nur grob mit dem eh schon eher fehlerhaften politischen Verordnungsmodell von „rechts“ und „links“ betrachtet werden. Der Großteil der Parteien kann aber im rechten Spektrum verordnet werden.[32] Auch die „linken“ und „liberalen“ Parteien stützen sich auf nationale Rhetorik und Legitimation.[33] Das polnische Parteiensystem zeigt somit die Diversität und Bandbreite des Nationalismus auf.[34]

In den Untersuchungsabschnitten änderte sich die Parteienlandschaft sehr deutlich. Nur das Bündnis der demokratischen Linken (SLD), welche die „Nachfolgepartei“ der PZPR verkörperte, spielte in beiden Debatten eine besonders starke Rolle. Die 89 von der PZPR abgespaltene Partei wurde das erste Mal 1993 mit 20,4% und der Wahlordnung zur stärksten Kraft und bildete eine Regierung mit der ehemaligen Blockpartei PSL.[35] Sie war mit ihrer hohen Anzahl an Eliten, die ihren Ursprung in den kommunistischen Machtstrukturen hatte, besonders gegen eine zu tiefe Aufarbeitung der Volksrepublik.[36]

Die SLD war die Partei, welche sehr intensiv an der Verfassungsgebung beteiligt war und brachte wie viele andere Parteien auch selbst einen Verfassungsentwurf mit ein. Sie stimmte der Verfassung zu, trotz der Präambel, in der mit der Volksrepublik abgerechnet wurde. Ihre Zustimmung war obligatorisch, da sonst keine Mehrheit für diese zustanden gekommen wäre.[37] Das linksliberale Bündnis von SLD und der Freiheitsunion (Unia) setzte sich gegen die rechten Verfassungsgegner durch.[38] Nach der Annahme der Verfassung durch das Volksreferendum, wurde diese nun auch selbst von den kritischen Parteien anerkannt.[39]

Die Debatte um den Beitritt in die EU war zwischen den Parteien stark polarisierend.[40] Während der Debatte erstarkte die EU-feindliche Samoobrona (Selbstverteidigung), welche zwar schon 1992 gegründet wurde, aber zunächst keine Erfolge verbuchen konnte. Sie war das Sinnbild des Kampfes gegen die EU und schreckte auch nicht vor gewaltsamen Widerstand zurück. Sie spiegelte unter anderem die Ängste, der in der Landwirtschaft arbeitenden Bevölkerung wieder und beschwor ein Ausverkauf Polens an ausländische Investoren.[41]

Der Reformkurs der SLD, um die Kriterien des EU Beitritts zu erfüllen und die Debatte um diesen selbst, war Ursache einiger erfolgreicher Parteigründungen. Die erfolgreichste war die um Lech Kaczynski aufgebaute PiS (Recht & Gerechtigkeit). Die aus den rechten Gruppierungen des zersplitterten Solidarność Lagers entstandene Partei hatte u.a. die Stärkung der polnischen nationalen Kultur auf ihrer Agenda und war klar nationalistisch.[42]

Nur die Liga der polnischen Familien (LPR) überflügelt unter den neugegründeten Parteien die PiS in ihrer nationalistischen Gesinnung. Sie propagiert ein nationalkatholisches und streng traditionelles Weltbild mit dem Dogma „Dienst an Gott, an Polen und der Nation“. Sie war strikte EU-Gegnerin und war der Überzeugung, dass Polens Entwicklung nur außerhalb der EU weiter gehen kann.[43]

Die drei Parteien kamen 2001 insgesamt auf fast ein drittel aller Stimmen (Samoobrona 10,2, PiS 9,5%, LPR 8%) und zeigten schon dort großen Gegenwind zu den EU-Beitrittsverhandlungen. Die Gegenpartei der PiS, der Zusammenschluss der liberalen Solidarność Flügel, die Bürger-Plattform (PO), welche auch pro-europäisch war, erreichte 12,6%. Zusammen mit den Wahlergebnissen der SLD, welche 2001 fast 41% auf sich vereinen konnte, zeigte sich die Tendenz der Wähler für den EU-Beitritt Polens.[44] An den Wahlergebnissen der PO und der PiS konnte man die Zweiteilung Polens bei der Frage des EU-Beitritts beobachten. Im Westen erreichte die PO deutlich höhere Wahlergebnisse, die PiS hingegen im östlichen Teil Polens.[45]

6.     Fazit

 

Die Analyse der Bevölkerung, der Eliten und der Parteien Polens in Hinblick auf den Einfluss des Nationalismus kann mithilfe von Mackóws Theorieansatz nur bedingt Antworten auf die Frage liefern.

Die Indoktrination der Bevölkerung fand in der polnischen Gesellschaft in der Zeit der Volksrepublik nur wenig Anklang. Die Geschichte ist in der Bevölkerung allgegenwärtig und sehr nationalistisch geprägt. Trotzdem ist die Beteiligung an den gesellschaftlichen Debatten so gut wie nicht vorhanden. Zurückzuführen ist diese Nichtbeteiligung eher auf die vom kommunistischen System zerstörte autonome Gesellschaft.Eine bewusste Suche nach einer neuen nationalen Idee Polens existiert nicht in diesem Maß. Es gab eine große, innerhalb der Eliten sehr kontrovers diskutierte Frage nach der Stellung des seine Souveränität widererlangten Polens in Europa. Der Grundkonsens, dass man sich Europa zugehörig fühlt und dass man sich an den Westen bindet, als Verteidigung eines wohlmöglich zukünftig imperialistischen Russlands, ist aber in den meisten politischen Parteien vorhanden.

Eine Aufarbeitung der Zeit der Volksrepublik gestaltete sich sehr schleichend. Am Ende beteiligten sich alle Eliten an diesem Prozess, wobei die des alten Systems dies nur abgeschwächt taten, bzw. eine tiefere „Abrechnung“ verhinderten. Hier waren die sich selbst als „antikommunistisch“ bezeichneten nationalistischen Eliten die treibende Kraft. Das Bestreben der Eliten in Polen zur Demokratie kann als ehrlich aufgefasst werden. Alle Parteien, von „Nachfolgeparteien“ des alten Systems bis hin zu offen nationalistischen Parteien, bewegen sich im Rahmen des demokratischen Systems und auch die Diskussionen verlassen kaum den Konsens zur Marktwirtschaft und Demokratie.

Macków stellt in „Am Rande Europas?“ die These auf, dass Nationalismus der Transformation helfen kann und eine Transformation ohne ihn gefährdet ist. Er betont aber auch, dass nicht jeder Nationalismus förderlich ist.[46] Diese Analyse gibt dieser These Recht. Zwar blockierten die nationalistischen Kräfte in Polen die Verfassungsgebung und auch die Beitrittsbemühungen in die EU, aber sie trugen einen erheblichen Teil zur Aufarbeitung der Volksrepublik bei, stießen wichtige Debatten an und drängten die alten Eliten und ihre Nachfolger in die Strukturen der Demokratie. Die Geschichte spielt und spielte in Polen eine wichtige Rolle. Auf ihr entbrannte auch die Debatte, wie Polen zu Europa gehören soll. Am Ende entschloss man sich nur knapp für die Europäische Union, auch weil die Geschichte zeigte, dass Polen als eigenständige Nation nur mit Hilfe der Gemeinschaft bestehen kann.[47]

 

[1] Vgl. Jerzy, Holzer, 2007: Polen und Europa Land, Geschichte, Identität. Ulm: Dietz, S. 107.

[2] Ebd., S.107.

[3] Vgl. Jerzy, Macków, 2004: Am Rande Europas? Nation, Zivilgesellschaft und außenpolitische Integration in Belarus, Litauen, Polen, Russland und der Ukraine. Freiburg: Herder, S.47.

[4] Vgl. Grzegorz, Adamczyk; Peter, Gostmann, 2007: Polen zwischen Nation und Europa. Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl. S42-45.

[5] Vgl. Jerzy, Macków, 1999: „Der Wandel des kommunistischen Totalitarismus und die postkommunistische Systemtransformation: Periodisierung, Problematik und Begriffe“, In: Zeitschrift für Politikwissenschaft Heft 4/99, S. 1370.

[6] Vgl. Ebd., S. 1370-1371.

[7] Vgl. Ebd., S. 1370-1371.

[8] Vgl. Ebd., S. 1370-1371.

[9] Vgl. Klaus, Ziemer, 2013: Das politische System Polens. Wiesbaden: Springer VS, S.293.

[10] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.60.

[11] Vgl. Ziemer, a.a.O. S. 291.

[12] Vgl. Klaus, Bachmann, 2007: „Polnische Europakonzeptionen nach 1989“ in Europas Platz in Polen. Polnische Europa-Konzeptionen vom Mittelalter bis zum EU-Beitritt S. 225-S239,   Claudia, Kraft; Katrin Steffen (Hg.). Osnabrück: Fibre, S.234.

[13] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.292-293.

[14] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S54.

[15] Vgl. Ziemer, a.a.O. S293.

[16] Vgl. Bachmann, a.a.O. S.234.

[17] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.25.

[18] Vgl. Ebd., S.299.

[19] Vgl. Ebd., S.301.

[20] Vgl. Macków, Am Rande Europas, a.a.O. S.263.

[21] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.294-295.

[22] Vgl. Ebd., S.297-298.

[23] Vgl. Ebd., S.23-24.

[24] Vgl. Ebd., S.25

[25] Vgl. Bachmann, a.a.O. S.233

[26] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.60

[27] Vgl. Ziemer, a.a.O. S. 299

[28] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.61

[29] Vgl. Holzer, a.a.O. S.104

[30] Vgl. Bachmann, a.a.O. S.225-234.

[31] Vgl. Ebd., S.234-239.

[32] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.63.

[33] Vgl. Ziemer, a.a.O. .293.

[34] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.62.

[35] Vgl. Ebd., S.64.

[36] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.298.

[37] Vgl. Ebd., S.24-25.

[38] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.61

[39] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.24-25.

[40] Vgl. Adamczyk; Gostmann, a.a.O. S.62.

[41] Vgl. Ebd., S.66-67.

[42] Vgl. Ebd., S.67-68.

[43] Vgl. Ebd., S.70.

[44] Vgl. Ebd., S.64-70.

[45] Vgl. Ziemer, a.a.O. S.299.

[46] Vgl. Macków, Am Rande Europas, a.a.O. S.210 & S.237.

[47] Vgl. Ebd., S.263-S.264

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Polen, Politikwissenschaft, Studium, Uncategorized, Wissenschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s