Ob Welt- oder Europameisterschaft, die Gefahr lautet: Unreflektierter Nationalismus

Bei großen internationalen Sportereignissen, besonders bei den Europa- und Weltmeisterschaften im Herrenfußball, kommt es immer wieder zu dem Phänomen, verstärkt seit der WM 2006, dass Deutschland in Schwarz-Rot-Gold ertrinkt. Dies ruft immer wieder kontroverse Diskussionen hervor, aber diese bringen nichts. Die Fronten sind verhärtet und der Großteil der Angesprochenen versteht gar nicht, um was es genau geht. Dies will ich hier einmal beleuchten – als Mensch, der 2006 selbst in der Schland-Euphorie mitschwamm, ohne zu reflektieren und der vor zwei Jahren erst wirklich bemerkte, was das wirklich bedeutet(https://kollegejansen.wordpress.com/2012/06/22/eine-europameisterschaft-die-euphorie-und-der-rassismus/). Als ein Mensch, der immer noch Fan der deutschen Herrenfußball-Nationalmannschaft ist, aber weder die Hymne singt noch irgendwelche Fähnchen schwingt. Ich will erklären, was das Problem ist: Der unreflektierte Nationalismus.

Als solches verstehe ich das Phänomen, wenn Menschen sich Farbe ins Gesicht malen und „Schlaaaand“ rufen. Und Nein, Nationalismus fängt nicht erst bei Neonazis an. Hier das erste Problem. Es gibt die politisch einseitig gefärbte Definition von Nationalismus (u.a. von der Bundeszentrale für politische Bildung vertreten), die nur den „negativen“ Nationalismus umfasst. Diese Definition wird dem Nationalismus aber nicht gerecht, da dieser deutlich komplexer ist. Es ist ein Prinzip, das erst wirklich ab der ersten französischen Revolution aufkam und der Grundstein der modernen Nation ist. Es ist eine von Menschen ausgedachte Struktur und ein Prinzip welche u.a. eine gewisse Homogenität in einem Staat einfodert (weiterführende Literatur u.a. http://www.dir-info.de/dokumente/def_nation_renan.html ).

Nun kommt es oft zu der Aussage: „Das ist doch kein Nationalismus, sondern Patriotismus, und der ist ja gut.“ Nein. Auch hier gibt es unterschiedliche Definitionen, aber im Grunde kann man sagen, dass Patriotismus und Nationalismus fast das Gleiche sind. Es werden die gleichen Argumente genannt, sehr ähnliche Ziele gesetzt und auch dieselben Emotionen hervorgerufen (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854 ). Der Unterschied ist, dass Patriotismus keine Nation braucht, egal ob existent oder nur gewünscht. Ist Patriotismus an eine Nation gebunden, dann ist es Nationalismus.

Es gibt es tausende Gründe, warum Nationalismus nicht gut ist. Die historische Argumentation ist hoffentlich bekannt: Der deutsche Nationalismus hat die Welt zweimal! mit Krieg überzogen und das sollte uns bei diesen Thema besonders sensibel machen. Aber zu oft wird hier vergessen, dass nicht nur der deutsche Nationalismus Krieg und Tod verbreitet hat, sondern auch der Nationalismus unterschiedlichster Länder X-Millionen Menschen in den Untergang schickte.

Die zweite Argumentation ist, dass Nationalismus Fremdenhass schürt. Nachweislich steigt die Fremdenfeindlichkeit nach einer Weltmeisterschaft in Deutschland stark und auch die Gewalt gegen Ausländer oder Menschen die nur als Ausländer erscheinen nimmt zu. Das kann alles bei jedem public viewing beobachtet werden. Sehr häufige Äußerungen, wie„Scheiß Holländer/Froschfresser/Afrikaner…“, gehören zu den „harmloseren“ Sprüchen. Nicht selten zeigen oft sehr betrunkene Menschen Hitlergrüße und geben die erste Strophe des Deutschland Liedes von sich. Absurd wird dies, wenn man bedenkt, dass Fußball- Nationalmanschften oft ein Vorzeigeprojekt einer diversen Gesellschaft sind. So tragen etwa die Helden des deutschen Herrenfußballs Namen wie Klose, Khedira, Podolski, Özil, Mustafi und Boateng.

Die Argumentation „Jeder Mensch darf auf seine Nation stolz sein, nur wir nicht“ ist selten dämlich. Natürlich kann ich niemanden seinen Stolz auf „seine“ Nation verbieten, aber ich finde jeden Nationalismus absurd und gefährlich. Nur konzentrieren wir uns als Menschen, die in Deutschland leben, auf den deutschen Nationalismus und nicht auf den in z.B. Brasilien. Besonders beim Nationalismus sollte man sich immer um die Gesellschaft kümmern in der man lebt. Nicht weil man die Probleme in anderen Ländern ausblenden soll, sondern weil diese Kritik oft in fremdfeindliche Verallgemeinerungen zerfällt (siehe z.B. Kritik an Ukraine oder Israel).

Jetzt spricht der Politikwissenschaftler aus mir: Ja, es gibt auch positive Effekte von Nationalismus und daraus abgeleitet, es gibt auch legitime Gründe diesen zu verfolgen. Dies weiter zuführen würde den Rahmen des Blogpost sprengen und würde das Thema verfehlen. Auch gibt es Menschen, die dem „negativen“ Nationalismus ganz bewusst anhängen. Diese sollten von der gesamten Gesellschaft Ablehnung und Widerstand erfahren, denn sie sind eine Gefahr des friedlichen Zusammenlebens. Und ja, man kann sich auch mit einer moderaten nationalistischen Einstellung dem „negativen“ Nationalismus entgegenstellen, das setzt aber viele Gedanken und Wissen voraus. Um es auf den Punkt zu bringen: Es setzt eine Reflektion über Nationalismus voraus.

Leider existiert diese Reflektion bei gefühlt 99% aller „Schland“-Fans nicht. Aussagen wie „Das sind doch nur Fußballfans“ bestätigen diese Beobachtung, anstatt sie zu widerlegen. Ganz konkret spielt da nämlich nur eine selektive Auswahl, der womöglich besten männlichen Fußballspieler, welche zufällig einen deutschen Pass besitzen. Kurz die deutsche Herrenfußballnationalmannschaft. Nicht Deutschland und schon gar nicht Schland. Ich kann nachvollziehen, dass niemand „Los, deutsche Herrenfußballnationalmannschaft, schieß ein Tor“ ruft, aber zu behaupten „Deutschland“ anfeuern mache man nur der Abkürzung wegen, ist verlogen.

Warum ist es ein Problem, dass zur Fußball-WM keiner über Nationalismus nachdenkt? Auch außerhalb dieses Zeitraums wird darüber ja nicht viel nachgedacht, selbst nur sehr wenig wenn Nazis mordend durch die Lande ziehen und die AfD mit der NPD zusammenarbeiten will (Quelle: http://www.endstation-rechts.de/news/kategorie/kommunale-ebene/artikel/afd-laesst-maske-fallen-kreistagsmitglieder-kuendigen-moegliche-unterstuetzung-der-npd-an.html ). Leider ist das auch immer ein Problem, in diesem besonderen Fall ist es aber noch schlimmer. Dieser unreflektierte Nationalismus spielt Rechtspopulisten und Nazis perfekt in die Karten. Die AfD kann bei der Europawahl mit „Mut zu Deutschland“ antreten und wird gewählt. In der gleichen Wahl bekommt sogar die NPD einen Sitz. Ich sehe einen direkten Zusammenhang zwischen deutschlandfahnenschwingenden Fanmeuten und Aussagen wie „Man darf doch stolz auf Deutschland sein“ zu diesen Wahlerfolgen. Der Party-Nationalismus macht Ansichten salonfähig, welche die Menschheit schon oft genug fast zerstört haben.

Man könnte zu diesem Thema noch so viel schreiben, aber ich hoffe, ich konnte aufzeigen warum, wie ich, viele Menschen vor dem unreflektierten Nationalismus warnen. Ich kann viele meiner Mitmenschen verstehen, die einfach gerne die Weltmeisterschaft genießen und in der Euphorie aufgehen wollen. Keine Angst, auch reflektiertes Fußballschauen kann Spaß machen. So hat man auch plötzlich mehrere Mannschaften, die man anfeuern kann und ist nicht so deprimiert wenn die „eigene“ Nation rausfliegt. Und auch wenn ihr trotzdem immer noch in Schwarz-Rot-Gold „Schlaand“ rufen wollt, dann seid bitte, insbesonders bei public viewing, sensibel gegenüber Rassismus, Geschichtsrelativismus, Homophobie, Sexismus, Übergriffen etc. und wehrt euch, indem ihr ganz klar widersprecht, andere darauf aufmerksam macht und auch Menschen anzeigt. Bringt euch aber nicht in Gefahr!. Denn es gilt wie immer: Keinen Fußbreit den Nazis und kein Fußball mit Nazis

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Eine Antwort zu Ob Welt- oder Europameisterschaft, die Gefahr lautet: Unreflektierter Nationalismus

  1. Patrick Rauscher schreibt:

    Mich würde doch interessieren, wo du die positiven Effekte von Nationalismus siehst. Ich sehe keine. Und selbst wenn es welche gibt, heißt das ja noch lange nicht, dass sie einen legitimen Grund abgeben, Nationalismus zu verfolgen.

    Nur eine brennende Nationalfahne ist eine gute Fahne.

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