Gastbeitrag + Anmerkungen von mir: Über Kommunikation, Piratenpartei und Trolle – Wie die Piratenpartei zukunftsfähig bleibt

Gastbeitrag von @Junkfoodkoch

Mir zerreißt es immer fast das Herz wenn ich sehe, wie sich Menschen, speziell Piraten über Nebensächlichkeiten in die Haare kriegen und zu Fundamentalopposition oder persönlichen Angriffen übergehen und ich hilflos daneben stehe und mir denke „die beiden sind sich doch grundsätzlich einig, sie reden nur vollkommen aneinander vorbei und verstehen den anderen nicht.“
Ich habe jetzt lange genug hilflos daneben gestanden und mir das angesehen. Ich glaube nämlich nicht, dass wir alle das ertragen müssen und unsere Diskussionskultur so bleiben muss, wie sie ist. Was meiner Meinung nach vielen fehlt ist Problembewusstsein und Selbstreflektion. Dagegen möchte ich hiermit etwas tun. Ich möchte niemand vorschreiben etwas zu tun, aber sensibilisieren und Lösungsvorschläge anbieten.

Denn die Lösung für alle Probleme ist (wie immer) mehr Bildung!
#nichtMeckernMachen!

Meinen Beobachtungen nach überreagieren wir sehr oft auf Textkommunikation und verstehen geschriebene Sachen von andere Menschen sehr häufig negativer, als sie ursprünglich gemeint waren. Es ist fast unmöglich bei Textkommunikation die momentane Gefühlslage der kommunizierenden Person zu deuten ohne die üblichen Hilfen wie Gestik, Mimik und Tonfall. Eins sollte sich das bewusst sein. Ich glaube das Gehirn füllt dann automatisch diese Lücke mit zufälligen oder eigenen Gefühlen. Und dann sind Missverständnisse bei Textkommunikation, speziell auf Twitter, weil hier auch noch verkürzt wird, sehr sehr sehr sehr leicht.

Das führt dann zu abstrusen Situationen, in denen jemand wohlmeinende Kritik formuliert und die 2. Person anscheinend vollkommen unprovoziert ziemlich pampig antwortet, weil sie die eigentlich wohlmeinende, vielleicht etwas missverständliche formulierte Kritik als persönlichen Angriff missverstanden hat. So kann sich dann, wenn die erste Person emotional reagiert, eine negative Eigendynamik aufbauen, obwohl die beiden Menschen eigentlich ganz super miteinander auskommen würden.

Ein anderes Problem sind oft verschiedene Bedeutungen und Konnotationen von ein und dem selben Wort. Ganz oft habe ich hitzige Diskussionen beobachtet, bei denen nach kurzer Zeit klar war, dass sie, ohne es zu merken, zwar die selben Wörter benutzt haben, aber diese mit grundverschiedenen Bedeutungen und Gefühlen aufgeladen waren. – Und niemand hat den anderen verstanden.
Um nen konkretes Beispiel zu haben: Ich hab mich letztens mit nem Piraten über Antifa unterhalten. Ich hatte das Gefühl, wir reden von komplett verschiedenen Themen. Überlegt euch mal wie unterschiedlich das Wort „Antifa“ aufgeladen sein kann. Von Großstadt/Land, Ost/West, Jung/Alt gibt es jeweils andere Sichtweisen und persönliche Erfahrungen. Zudem hat sich „die“ Antifa auch noch über die Zeit verändert. Für die einen muss sich so eigentlich jeder Vernunftbegabte Mensch Antifaschist*in nennen und die anderen haben nen steinewerfenden schwarzen Block vor Augen, der wahllos Autos anzündet. Und wir wundern uns darüber, dass Antifaflaggen auf dem BPT vollkommen gegensätzliche Reaktionen hervorrufen.

Ich hab nichts gegen Antifaflaggen – Ich hab aber was dagegen jeden kleinen Scheißdreck sofort zu eskalieren. Redet mit den anderen, versucht ihren Gedankengang zu verstehen. Und nehmt ein Rücksicht aufeinander. Wenn es Menschen stört, dann hängt halt die Flagge wieder ab, ich mein, ist jetzt auch kein Beinbruch. Denn ihr wisst nicht, was der andere für Assozationen hat. Das sind immer noch Menschen, die mit euch gegen Überwachung, gegen Faschismus, für eine angstfreie Gesellschaft und eine bessere Welt kämpfen wollen. Habt das einfach im Hinterkopf.

Lob und Kritik

Das müssen wir noch mal üben.
Grundsätzlich steht die Frage: „Was will ich mit meiner Äußerung erreichen?“
Danach überlegt eins sich, wie eins das umsetzen könnte.
Wenn eine Person etwas tolles gemacht hat, dann will ich, dass sie sich danach gut fühlt, zu mehr motiviert wird, Selbstvertrauen gewinnt und auch andere erfahren, dass da diese Person was gutes gemacht hat.

Wenn ein Mensch etwas nicht so tolles gemacht hat, dann möchte ich, dass er den Fehler einsieht, wenn möglich noch ausbügelt und vor allem in Zukunft Fehler vermieden werden.
Ich möchte ja eben nicht, dass er sich schlecht fühlt oder verteidigen bzw. sich vor nem Shitstorm einigeln muss.
Also versucht eins auf Verbesserungen hinzuweisen und vllt. auch noch Teile, die trotz allem gut waren zu loben. Und das vor allem persönlich, im kleinen Kreis, sodass der Mensch nicht öffentlich angegriffen fühlt. Konstruktive Kritik eben.

Wer das noch nicht so gut kann, kann sich an 3 einfachen Punkten entlanghangeln.
1. Situationsbeschreibung (Mir ist aufgefallen, dass…)
2. Problembeschreibung (Mich stört daran …)
3. Wunsch ( Ich würde mir wünschen, dass du in Zukunft…)
Das klingt vielleicht etwas steif, aber zumindest ist es konstruktiv.

Meine Lösungsvorschläge für eine tolle, konstruktive Kommunikation:

Nicht jedem Gerücht/ Zeitungsartikel glauben, erst Reaktion der Betroffenen abwarten bzw. nicht öffentlich, _nicht_ vorwurfsvoll nachfragen, die eigenen Quellen noch mal kritisch hinterfragen

Auch wenn man eine Nachricht/Handlung einer Person nicht versteht/vollkommen unlogisch erscheint, einfach mal nachfragen. Kost nix. Spart viele Nerven.

Bei Textkommunikation immer das geschriebene etwas wohlwollend interpretieren und beim selber schreiben dran denken, dass systemisch bedingt, das eigene auch meist schlechter vom gegenüber aufgenommen wird

Vor Absenden einer Nachricht (vorallem Tweets) sich überlegen, wie man diese Nachricht alles falsch verstehen kann. Dann versuchen eindeutiger zu formulieren. Oder die Nachricht nicht absenden.

Wenn man selber gerade emotional erregt oder gestresst ist: Kommunikation vermeiden. Die Wahrscheinlichkeit etwas zu sagen, was eins später bereut, ist einfach viel höher.

Wenn etwas längere Erklärung bräuchte, oder es Streit gibt. Einfach weg von Twitter. Am besten persönlich treffen. Je persönlicher, desto besser. Oder Mumble Termine abmachen. Oder anrufen… oder, oder, oder

„Don’t feed the trolls“ is dead

Zumindest ist unter vielem Anderem dieser Leitsatz mit Schuld an der Misere. Er kommt aus der unendlichen Weite der anonymen Chats und Foren. Ignorieren der Trolle in der Hoffnung, dass sie die Lust verlieren und irgendwo anders trollen, funktioniert ganz gut im öffentlichen Raum, in einer Partei nicht.
Auf der Straße werde ich unangenehme Menschen durch Ignorieren und weiter Laufen los. Beim Stammtisch erreiche ich damit gar Nichts.
Im Öffentlichen Raum werden wir von der puren Masse an schnell wechselnden Trollen erschlagen. In der Partei haben wir eine doch irgendwie überschaubare Menge an Menschen. Und deswegen auch nur eine begrenzte Anzahl an Trollen. Aber die sind dafür länger dabei und gehen nicht einfach weiter, wenn sie ignoriert werden, im Gegenteil, sie werden immer lauter.
Gegen die müssen wir aktiv vorgehen.

Wir müssen bei jedem Kommentar, der daneben geht was tun. Denn jeder Kommentar der daneben geht, macht ein Stück Diskussionskultur kaputt und vergrault Menschen.
1. Stufe: Möglichst privat konstruktive Kritik geben und nachfragen, was die Person denn sagen wollte. Falls es verletztend war, eine Entschuldigung fordern.
2. Stufe: Wenn Stufe 1 nicht hilft, also der Mensch mit Kritik nicht umgehen kann und anderen mit seiner Diskussionskultur schadet – also allgemein nicht parteifähig ist -> Versuchen einen PAV anzustreben.
Wir können es uns einfach nicht leisten weiterhin eine beschissene Diskussionskultur zu haben.

Bitte baut keinen Scheiß auf dem aBPT, wählt Leute, die nicht die Partei weiter spalten. Und vertraut euch wieder. Streit hilft nur den politischen Gegnern und macht unsere tollen Ideen für eine bessere Gesellschaft kaputt. Wenn wir es nicht auf die Kette kriegen ordentlich miteinander zu reden und Streit nicht machtpolitisch, sondern ordentlich über konstruktive Gespräche zu lösen, können wir es auch gleich lassen.

Anmerkungen von mir (@KollegeJansen🙂

Liebe Freunde, Liebe Kollegen*innen,

Leider kann ich am aBPT in Halle nicht persönlich anwesend sein da ich Zeitgleich in Norwegen sein werde. Mir liegt aber diese Partei wie ihr wisst doch sehr am Herzen. Deswegen habe ich eine Bitte an euch:

Bitte wählt keine Spalter*innen und keine Hetzer*innen

Wir müssen nicht alle nicht alle Freunde sein, um gemeinsame Politik zu machen.
Wir müssen nicht alle immer derselben Meinung sein um uns gegenseitig zu respektieren.
Lasst euch nicht in die Irre führen.
Wir sind zwar teilweise sehr divers aber die meisten von uns sind miteinander vereinbar.
Wir sind nicht in zwei Gruppen aufgespalten.
Wir sind ein bunter Haufen Menschen wo jede*r eine etwas andere Vorstellung und Meinung hat.
Im Großen und Ganzen sind wir auf der gleichen Line, wir gehen nur unterschiedliche Wege.

Menschen die mit Reinigungs-, Spaltungs- oder ähnliche Rhetorik nutzen werden diese Partei nur schaden, wahrscheinlich sogar komplett zerstören.
Die Piratenpartei wird kein Heiland als Vorstand erretten, diese Partei können wir nur alle zusammen vor dem (ACHTUNG! Nautische Metapher) vor dem Untergang retten.
Wie ihr merkt habe ich meinen Optimismus nicht verloren und ich hoffe auch, dass er noch in den meisten von euch schlummert.
Entscheidet euch für eine offene, solidarische und bunte Piratenpartei in Halle.

Für mich und für uns alle.

Bis Bald und Liebe Grüße

Euer Jan

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Eine Antwort zu Gastbeitrag + Anmerkungen von mir: Über Kommunikation, Piratenpartei und Trolle – Wie die Piratenpartei zukunftsfähig bleibt

  1. quuux schreibt:

    Ein schöner Beitrag.

    Mir ist aufgefallen, daß du dich selbst nicht an deine Empfehlungen hältst.
    Mich stört daran sowohl die Inkonsequenz als das Resultat.
    Ich würde mir wünschen, daß du in Zukunft vor Äußerungen wie „fick dich“ prüfst, ob die zu deinen eigenen Überzeugungen passen.

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