Was man ist und was man isst… Speisevorschriften als Absicherung (kultureller und/oder religiöser) Identität

Egal ob die des Judentum, des Islam oder die der hinduistischen Religionen:  Speisevorschriften werden immer argwöhnisch betrachtet bzw. werden belächelt. Sie werden als etwas Archaisches, Gestriges gesehen und Menschen, die diese befolgen, gelten als dumm oder leichtgläubig. In einer Welt, die immer säkularer wird und die Unterschiede zwischen den Menschengruppen verschwimmen gibt es auch den Trend seine Wurzeln und Traditionen neu zu entdecken und  diese wieder zu beleben, auch ohne religiösen Hintergrund. Besonders im Judentum gibt es einen großen Teil an Menschen, die sich koscher ernähren obwohl sie nur teilweise oder auch gar nicht gläubig sind. Nach Jahrtausenden von Jahren der Verfolgung und dem Wiedererstarken des Antisemitismus, wollen diese Menschen ihre Herkunft nicht leugnen und stolz sein, Juden zu sein. Ist die Ernährung der richtige Weg seine Verbundenheit zu zeigen? Ist eine Abgrenzung von anderen sinnvoll oder nährt es nur Feindseligkeiten? Definiert Essen wirklich wer und was man ist oder ist der Rückzug in die Traditionen nur ein Ausweichen von der modernen Welt?

Begründungen von religiösen und kulturellen Essensvorschriften sind sehr unterschiedlich, obwohl die Hauptargumentation, besonders bei theistischen Religionen, traditionell die ist „dass Gott es so befohlen hat“. Diese Argumentation verliert bei kritischen und aufgeklärten Gläubigen immer mehr ihre Autorität und deswegen gibt es unterschiedliche „Ersatzbegründungen“.
Eine der häufigsten ist die der medizinischen Erklärung: „Das zu essen bzw. nicht zu essen ist gesund bzw. ungesund“.  Das impliziert auch oft, dass die eigene  religiöse/kulturelle Gruppe intelligenter ist oder mehr (göttliche) Informationen haben als die Gruppen welche das nicht tun. Auch um den medizinischen Vorteil zu untermauern tritt das Heranziehen von wissenschaftlichen Befunden und das teilweise Uminterpretieren dieser auf. Die historische Argumentation, gewisse Essenvorschriften in der Vergangenheit sehr sinnvoll waren wird genutzt um den Ursprung und den Sinn dieser zu finden. Da für Gläubige die Vorschriften oft göttlich sind bzw. von Gott gegeben sind und früherer Nutzen nicht das heutige bestehen rechtfertigen ist dies eher eine Argumentation von Außenstehenden und Wissenschaftlern.
Der Versuch sich von den Anders-Essern*innen abzugrenzen ist nichts was sich nur auf religiöse Esser*innen beschränkt. Es tritt ebenso bei weltanschaulichen Essern*innen auf. Überzeugte Veganer*innen, Vegetarier*innen, Frutarier*innen etc. grenzen sich auch oft ganz bewusst von Anders-Essern*innen ab.

Ist diese Abgrenzung ein legitimes Mittel der Identitätsfindung? 

Unterschiedlichkeit ist kein Problem und unterschiedliche Kulturen sind eine Bereicherung.  Deswegen ist das Wahren und Pflegen von Traditionen an sich keine problematische Handlung, aber nur, solange die Traditionen und Bräuche anderer nicht als minderwertig gesehen werden.
Dieses Problem trifft im Judentum eher weniger auf. Nach der Vertreibung aus Israel verteilten sich die Juden auf der Welt und wurden Teil von unterschiedlichsten Bevölkerungen. Dort waren sie immer nur eine Minderheit. Sie waren aktive Teile der Gesellschaft: sie arbeiten, wohnten, feierten und nahmen Teil am öffentlichen Leben. Aber um nicht assimiliert zu werden, also komplett in der Mehrheitsgesellschaft unterzugehen, war sehr hilfreich gewisse Traditionen und Gebräuche zu pflegen.
In der Diaspora lernte das Judentum wie wichtig es ist eine kollektive Identität zu haben und zu wahren. Die Ablehnung die ihnen auf der Welt immer wieder entgegen gebracht wurde nur weil sie die falsche Herkunft hatten gab ihnen oft das Gefühl in ihren „neuen“ Heimaten nicht Willkommen zu sein. Leider bestätigte sich dieses Gefühl oft auf grausame Weise. Die Riten und die Gebräuche gaben den Menschen die Sicherheit dass sie nicht alleine in einer „fremden“ Welt waren. Das Aufgeben der jüdischen Wurzeln, was im 19 Jahrhundert als gegen Maßnahme innerhalb der jüdischen Bevölkerung zum herrschenden Antisemitismus in Europa propagiert wurde, stürzte viele Menschen in Identitätskrisen.

Das Judentum ist stolz darauf das Volk Gottes zu sein. Im jüdischen Glauben ist das ein Art Vertrag zwischen Gott und dem Volk Israel. Sie wurden ausgewählt, besondere Gebote und Pflichten einzuhalten, damit der Rest der Menschheit sie nicht einhalten muss. Und das Volk Israel stimmte diesen Bund aktiv zu. Das kollektive Verständnis ist, das alle Menschen gleichwertig sind und das Volk Israels nur Mittler zwischen Gott und den Menschen ist.
Ein Teil dieser Gebote, die dem Volk deswegen aufgelegt wurden, sind die Essengebote.

Die Essensgebote sind in den meisten Religionen nicht gesundheitsschädlich und sind oft gut in den Alltag integrierbar. Der Pragmatismus, der in der jüdischen Lehre existiert, ist auch hier deutlich zu sehen. Die Essensgebote gelten nur wenn das Leben nicht in Gefahr ist. Wenn eine Hungersnot herrscht, Menschen krank sind oder sie gezwungen werden, etwas anderes zu essen, ist das legitim. Auch in der Medizin werden Medikamente oder Behandlungen angewendet, ohne Rücksicht auf die religiösen Essensvorschriften. Wäre dies nicht der Fall und es gäbe ein gesundheitliche Risiko, müssten religiöse Speisegebote anders betrachtet werden, besonders wenn Kinder davon bedroht wären.

Es gibt allerdings wenige orthodoxe Strömungen im Judentum, die Lebensmittel von Nicht Gläubigen ablehnen. Dies ist problematisch, denn die Produkte nach Abstammung des*der  Erzeugers*in zu bewerten, befeuert Fremdenfeindlichkeiten und die Spaltung einer Gesellschaft. Nahrungsmittel, die eine besondere Zubereitung bedürfen um Essensgeboten gerecht zu werden, sind hier ausgeschlossen. Das beste Beispiel für eine solche besondere Zubereitung ist das richtige Schlachten von Tieren. Im Judentum, wie auch im Islam, ist es unter anderem sehr wichtig dass die Tiere komplett ausbluten. Das kann nur ein speziell ausgebildeter Schochet in der Sorgfalt tun, wie es die Essensgebote auferlegen.

Identität – Wer sind wir in der modernen Welt?

Anders zu essen, sich zu kleiden und zu leben ist legitim und hat etwas mit individueller Freiheit zu tun. Nur weil Gebräuche und Traditionen in der Mehrheitsgesellschaft nicht bekannt oder anerkannt sind, dürfen sie nicht als unwichtig, falsch oder minderwertig gesehen werden. Genauso dürfen Menschen, welche sich an ihre Traditionen und Gebräuche halten, sich nicht als besser als den anderen nicht praktizierende Teil der Bevölkerung sehen. Es ist eine Gratwanderung zwischen chauvinistischer Selbstbestätigung und Festigung kollektiver Identität, die jede kulturell-religiöse Gemeinschaft zu meistern hat. Der Mensch ist in einer Welt des Zusammenwachsens dazu regelrecht verpflichtet, die Andersartigkeit seiner Mitmenschen zu akzeptieren. Ihm muss bewusst werden, dass seine eigene Norm, sein Leben zu führen in keinem Fall die Norm aller Menschen ist. Religiöse und kulturelle Identität ist legitim, solange sie nicht in Geringschätzung und Feindlichkeiten gegen andere Menschen münden. „Gemeinsam anders sein“ sollte der Schlüsselsatz der Gesellschaft werden.

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