Humes Hierarchie der Auffassungen

David Hume, der Hauptvertreter des Empirismus, versuchte wie viele vor ihm zu verstehen warum der Mensch die Welt genau so betrachtet und nicht anders. Die Argumentation der Gegenseite, dem Rationalismus, beruhend auf Platon, ist, dass wir nur durch Denken und das (Wieder-)Erkennen von „Ideen“ auf Erkenntnisse kommen können. Hume hingegen argumentierte, dass die Arten der Auffassungen aufeinander beruhen und versuchte zu zeigen, dass es dort eine Hierarchie, und damit auch eine beste Auffassung existiert und dass diese nicht das Denken ist.

„Der lebendigste Gedanke bleibt immer hinter der dumpfsten Wahrnehmung zurück.“ (S 17, Z 22-24)

Er bringt schon am Anfang des zweiten Abschnitts „Über den Ursprung der Vorstellungen“ seines Werks „Einer Untersuchung über den Menschlichen Verstand“ relativ gut auf den Punkt, wie er sich seine „Hierarchie der Auffassungen des Geistes“ vorstellt.

Wenn wir an ein intensives Erlebnis denken, zum Beispiel einen Sonnenuntergang mit einer geliebten Person am Strand, ist dies nicht so wahrhaftig wie das Sitzen auf einem einfachen Stuhl in einem weißen Raum, selbst wenn zunächst die Intensität der Sinneseindrücke in Beispiel eins intensiver erscheint.

„Wenn wir uns auf unsere vergangenen Gefühle und Neigungen besinnen, ist unser Gedanke ein treuer Spiegel, der seinen Gegenstand wahrhaftig abbildet; aber die von ihm angewandten Farben sind blaß und trübe im Vergleich zu jenen, in welche unsere ursprünglichen Auffassungen gekleidet waren.“ (S 18, Z 4 – 9)

Für ihn ist diese Unterscheidung der Auffassungen so klar, dass ihr jeder zustimmen muss. Er sieht das Erleben als quantitativ höherwertiger als das Erinnern des Erlebens. Er teilt die geistigen Auffassungen, die er auch Perzeptionen nennt, in zwei Kategorien auf: Die einen sind die Eindrücke und die anderen die Ideen (In vielen Übersetzungen seines Werkes wird das englische Wort „Ideas“ als Vorstellungen übersetzt. Dies führt aber zu Missverständnissen. „Ideas“ als „Ideen“ zu übersetzen ist eindeutiger).

Eindrücke sind für ihn entweder einfach oder komplex. Komplexe Eindrücke bestehen aus einfachen Eindrücken. Die Ideen können ebenso komplex wie auch einfacher Natur sein. Die ersteren basieren auf den zweiteren. Zu jeder dieser einfachen Ideen existiert ein einfacher Eindruck.

Der Begriff der Ideen ist in der Philosophie stark vorgeprägt, insbesondere von Platons „Ideenlehre“. Hume ist aber alles andere als der Meinung Platons und sieht den Ursprung
nicht in den Ideen, sondern den Ursprung der Ideen in den Wahrnehmungen. Er sieht also hinter jedem geistigen Vorgang eine Sinneswahrnehmung, die es gibt oder einmal gab.

„Auf den ersten Blick erscheint wohl nichts so schrankenlos wie das menschliche Denken, das sich nicht nur aller menschlichen Macht und Autorität entzieht, sondern sich nicht einmal in den Grenzen der Natur und der Wirklichkeit halten lässt.“ (S 18, Z 33 – 37)

Der Mensch kann für Hume mit Hilfe seines Verstandes Welten schaffen, die niemals existierten und auch niemals existieren werden. Zunächst scheint diese Macht unbegrenzt zu sein, doch Hume stellt fest, dass alle diese Neuschaffungen nur Neuzusammensetzungen von Bekanntem sind. Nur durch unsere Eindrücke können wir überhaupt Gedanken bilden. Unsere Gedanken können also niemals wirklich über unsere Eindrücke hinausgehen, da sie sich immer auf diese beziehen.

Die Vorstellung eines Einhornes ist nur die Zusammensetzung der Vorstellung eines Hornes und eines Pferdes, sehr wahrscheinlich haben wir auch im Vorfeld schon eine Geschichte von einem Einhorn gehört oder ein Bild gesehen. Die angebliche Leistung, ein nicht existierendes Wesen zu denken, ist nur ein Verbinden von bereits bekannten Informationen. Wir können uns nichts vorstellen ohne uns auf unsere Erinnerungen zu berufen. Ein Erkenntnisgewinn aus reinem Nachdenken ist nicht möglich, da reines Nachdenken ohne Rückgriff auf Erlebtes nicht möglich ist. Unsere Gedanken beruhen auf Erfahrungen und diese auf Eindrücke.

Diese Erfahrungen müssen nicht einmal unsere eigenen sein, es reicht aus wenn wir sie nur vermittelt bekommen. Sie werden jedoch immer schwächer, je weiter der Eindruck, auf den sie sich bezieht, entfernt ist.

Diese Entfernung kann zeitlicher Natur sein, aber auch Ergebnis zu vieler Zwischenstationen. Die stärkste Idee ist die, welche sich auf das gerade passierte bezieht, aber selbst diese ist schwächer als der unmittelbare Eindruck.

Um Eindrücke anderer nachvollziehen zu können, muss man nach Hume diese selbst erfahren können. So kann sich ein Blinder keine Farben vorstellen, so wie ein Gehörloser keine Töne verstehen kann. Ebenso kann ein Mensch die Eindrücke anderer Menschen nicht nachvollziehen, wenn er diese nicht wenigstens ähnlich erfahren hat. Je unähnlicher die Eindrücke der Menschen, desto verzerrter sind die ausgetauschten Erfahrungen.

Wir können einzelne Ideen natürlich extrem abstrahieren, aber je weiter sie sich von dem Ein-druck entfernen, desto schwächer und ungreifbarer wird die Idee. Für Hume scheinen darunter Ausdrücke des reinen Denkens, also der Metaphysik, zu fallen. Diese sind für ihn aber nur Schatten von Eindrücken, die nicht sofort erkannt werden. Sie sind so schwach, dass man sie leicht verwechselt und sie auch immer zunächst definieren muss, damit Menschen das Gleiche damit verknüpfen. Das reine Denken basiert also auch auf abstrahierten Eindrücken und ist somit nicht „rein“. Ein Erkenntnisgewinn aus diesen schwachen Erfahrungen ist somit so gut wie unmöglich.

Der Ursprung aller geistigen Auffassungen ist also ein einfacher Eindruck, es existiert in unseren Gedanken nichts, dass ganz am Anfang eine andere Ursache hat. Erfahrungen aus Ein-drücken sind korrekter, je näher sie dem ursprünglichen Eindruck sind. Wir können uns von anderen vermittelten Erfahrungen nur verstehen, wenn wir die gleichen oder ähnliche Eindrücke erlebt haben. Je unterschiedlicher die Eindrücke sind, desto verzerrter nehmen wir die Erfahrung des anderen war. Die beste Auffassung kann somit nicht das reine Nachdenken sein, aus dem auch kein Erkenntnisgewinn erzielt werden kann, sondern der einfache Eindruck.

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