Bericht aus Regensburg: Nazidemo und Polizeigewalt

Ich bin wütend, enttäuscht, desillusioniert, fassungslos… Ich schreibe sogar einen Blogpost.

Heute war nicht meine erste Demo, und auch nicht meine erste Gegendemonstration gegen eine NPD-Veranstaltung. Aber was ich heute gesehen und erleben durfte musste war für mich völlig neu und ist kaum zu beschreiben.

Aber kurz zu der Vorgeschichte. Anfang der Woche wurde bekannt, dass die NPD sich wieder nach Regensburg verirren möchte, und diesmal haben wir sogar im Vorfeld erfahren, wo sie ihre Kundgebung abhalten wollten.

Ein breites Bündnis aus allen demokratischen Parteien (ohne die Regensburger AfD, die war nicht anwesend), der Kirchen, dem dritten Bürgermeister, der Antifa und vielen weiteren Vereinigungen, Firmen und Einzelpersonen mobilisierte eine Gegendemonstration.

Am Ende konnte oder wollte die NPD (oder die Polizei) nicht an ihrem angemeldeten Platz ihre Kundgebung abhalten, und baute deswegen ihren Wagen vor dem Regensburger Dom auf. Wie das rechtlich gehen kann, verstehe ich nicht. Das ist Grund und Boden der katholischen Kirche und diese wollte sicher nicht, dass diese Nazis ihren Dreck dort verbreiten.

Bis jetzt lief alles wie gewohnt.

NPD-Parolen durch riesige Verstärker und viel lautere Gegendemonstranten, so dass glücklicherweise keiner nur einen Satz dieses Schunds hören musste. Irgendwann löste die Polizei die Versammlung auf und wir machten von unserem Recht Gebrauch, eine Spontanversammlung durchzuführen (auch bekannt als Sitzblockade 😉 ).

Wir meldeten sie sogar bei der Polizei an, aber das war ihr ziemlich egal. Sie wurde uns nicht gestattet.

Da saßen wir. Linke, Liberale und Konservative, Seite an Seite. Jung und Alt vereint um den Faschisten zu zeigen, dass sie ein überflüssiges Relikt des letzten Jahrhunderts sind. Friedlich „bewaffnet“ mit Luftschlangen und Konfetti.

Dann kamen die drei Aufrufe die Sitzblockade aufzugeben, ABER keine Ansage, dass nun die Versammlung (also unsere) aufgelöst wird. Die USK (in einigen Kreisen als „Prügelbullen“ bekannt) begann einen Keil in die Sitzblockade zu schlagen.

Also nochmal, damit es jeder versteht: Sie wollten keine deeskalierende Maßnahme durchführen, also das klassische Wegtragen, was bei jeder anderen Sitzblockade, an der ich teilnahm, die Regel war. Sie drückten mit aller Gewalt in die sitzende Menge.

Das funktionierte solange „gut“, bis die ersten Menschen wegen den Tritten der Polizei aufstanden und so über die hinter ihnen Sitzenden fielen. Das absurde war, die Polizisten halfen niemandem (egal wie jung oder alt die Betroffenen waren), sondern drückten weiter, so dass immer mehr Leute über die auf den Boden liegenden Menschen flogen. Die Beamten, die wir bezahlen, damit sie uns beschützen, nahmen es in Kauf, dass Menschen verletzt werden. In meinen Augen gefährdeten sie sogar unser Leben!

Wenn wir uns nicht gegenseitig vor der drückenden Menschenmenge geschützt hätten, wüsste ich nicht, was passiert wäre. (Loveparade lässt grüßen)

Die demonstrierenden Menschen, wie gesagt eine sehr durchmischte Gruppe aller Gruppierungen und Altersgruppen, gerieten in Panik – und was machte die Polizei? Sie drückte weiter, obwohl es nicht weitergehen konnte. Überall lagen Menschen auf Menschen und wir mussten gegen die Polizei drücken, damit wir ihnen aufhelfen konnten. Sie wären eiskalt überrannt geworden. Erst von den Mitdemonstranten und dann von der Polizei.

Die Nazis hatten es wohl eilig und fuhren zu schnell in den für sie geschlagenen Freiraum. Das führte dazu, dass die Polizisten nicht mehr vorankamen und zwischen Demonstrantenmasse (anders kann man es nicht nennen) und NPD Fahrzeugen eingeengt wurden.

Ich kann nicht beschreiben was in mir vorging. Ich war wütend, weil keine Rücksicht genommen wurde und ich hatte Angst. Angst um die Menschen um mich herum, aber auch um mich selber. Ich versuchte auf die Beamten einzureden und versuchte gefährliche Gegenstände (Flaschen) irgendwie aus der Masse zu entfernen. Dann fingen meine Augen, Nasenschleimhäute und meine Haut an zu brennen.
Zuerst begriff ich nicht was passiert ist, bis die ersten Gegendemonstranten heulend und mit roten Augen zusammenbrachen. Pfefferspray.

Verdammte Scheiße! Polizisten wenden in einer von ihnen ausgelösten Massenpanik Pfefferspray gegen Jugendliche und Rentner an. Gegen Jusos wie auch gegen die FDP, die beide nicht als aggressive Gruppen gelten. Dann eskalierte alles…

Es sind jetzt einige Stunden vorbei und ich kann das immer noch nicht begreifen.

Wir haben einige Anzeigen gegen Unbekannt gemacht. Ein befreundeter Pirat (ein Jugendlicher!) bekam während er gesessen ist (!!!) Pfefferspray direkt in die Augen und wurde danach, als er sich natürlich nicht wegbewegen konnte, noch getreten.

Uns wurde erklärt, dass die Polizei flächendeckend Pfefferspray gesprüht hat, weil sie sich eingeengt gefühlt hat! Flächendeckend!
Und dass sie den angreifenden Polizisten wahrscheinlich nicht mehr ermitteln können.

Ein anderer Pirat hat den Einsatzleiter angezeigt. Weil er unsere Rechte mit Füßen getreten hat und die Schuld für das trägt, was passiert ist.

Und was wird passieren?
Wahrscheinlich nichts. Weil wir immer noch keine Kennzeichnungspflicht für Polizisten haben, und immer noch keine unabhängigen Untersuchungsgerichte.

Was bleibt sind diese Eindrücke und Angst. Angst, dass irgendwann keine Leute mehr gegen Nazis auf die Straße gehen, weil sie berechtigte Sorge haben, verletzt zu werden. Angst in einer Gesellschaft zu leben, wo immer mehr Menschen sich von rechten Populisten (à la AfD) einfangen lassen. Angst vor gewaltbereiten Polizisten, die uns nicht schützen, sondern gefährden.

Für mich steht fest: Ich will keine Angst haben.

Darum: Bitte lasst uns gemeinsam dieses System neustarten.
Wer denkt ich habe hier übertrieben: Es haben viele Journalisten und Einzelpersonen gefilmt und Fotos gemacht. Schaut sie euch an und lasst das auf euch wirken.

Und am Ende noch: Nie wieder Faschismus!

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16 Antworten zu Bericht aus Regensburg: Nazidemo und Polizeigewalt

  1. Valentin schreibt:

    Ich hätte noch ein Video von dem Zeitpunkt, wo die Polizie anfängt, die Sitzblockade aufzulösen. Könnte das bei bedarf irgendwo hochladen.

  2. @_belze_ schreibt:

    Erschreckend – sowas macht einen fassungslos mehr kann ich da nicht sagen.

    Nur eine Anmerkung noch – der Dom gehört nicht der katholischen Kirche – sondern dem Freistaat Bayern. Erklärt vielleicht so einiges.

  3. twil schreibt:

    Ich begreife es nicht. Was ist an der AfD Rechts? Die Einwanderungspolitik? Linksradikal ist auch eine Realität die kaum erwähnt wird.

  4. rollinger schreibt:

    Was meint die kath. Kirche dazu. Landfriedensbruch für rechte Propaganda. Ich dachte die hätten was gelernt?

  5. hannelore wutzdorff-brunner schreibt:

    ich weiß, das diese aktion kein einzelfall war und auch kein versehen! so ist es politisch gewollt, um die sogenannten kritiker mundtot zu machen. naja, die rechten wurden wie immer mit respekt behandelt, da sollten wir mal den bayerischen innenminister befragen!! hoffentlich werden diese volksverräter abgewählt!

  6. Bob der Baumeister. schreibt:

    Vllt. haben sich die Rechten nach den Anweisungen der Polizei verhalten und die Gegendemonstranten eben nicht. Wenn die Polizeit euch sagt „ist nicht erlaubt“ und ihr macht es trotzdem – dann müsst ihr eben auch den Gegenwind ertragen. Immer dieses linke Gejammer über diese bösen Polizisten – die euch davor schützen das euch die Nazis aufs Maul hauen. Und als dankt macht ihr dann auch noch Stress. Was zur Hölle kann die Polizei dafür das da Nazis Demonstrieren? Meinst du die haben da Bock drauf? Aber nein, dann kommt ja noch ihr und verlangt von den Beamten das sie euch weg tragen. Sprung in der Schüssel? … Polizisten sind doch nicht der Depp vom Dienst. Wer sich gegen die Staatsgewalt stellt muss eben mit Maßnahmen rechnen.

    • rollinger schreibt:

      Kein Mensch muss Polizist werden ausser er kann nur nach Regeln ‚leben‘. Roboter eben. Aber ich lache gerade sehr. Du bist der perfekte Klon ohne echter Meinung. Du läufst los und tust was man Dir sagt. Tut mir leid.

    • Beware of your eye schreibt:

      „Wer sich gegen die Staatsgewalt stellt muss eben mit Maßnahmen rechnen“
      Genau Bob, du hast es auf den Punkt gebracht.
      – Du bist die perfekte Marionette in diesem perfiden System, dennoch hoffe ich für dich, das du eines Tages noch das „wahre Leben“ mitbekommen wirst.

      Vielleicht fängt es dann an, wenn der Staat dir die Playstation und World of Warcraft wegnimmt 🙂
      Ach nein, da würde sich der Staat ja ins eigene Fleisch schneiten.

      Keine Ahnung Bob, ob dir meine Worte überhaupt etwas sagen oder für dich Sinn machen….

  7. Dimitrij K. schreibt:

    Maßnahmen sind ok, aber nicht in diesem Umfang. Das ist ja der springende Punkt in diesem Fall. Die Härte der Aktionen seitens der Polizei sind keinsterweise rechtzufertigen. Erschreckend muss ich sagen. Einer der friedlichen Demonstranten wurde eben aus dem Krankenhaus entlassen mit einer gebrochenen Rippe. Wo ist das gerechtfertigt?

    • kpaul schreibt:

      Sprich mal mit dem verletzten Demonstranten – die Rippe wurde ihm nicht von der Polizei gebrochen, sondern von einem aus den eigenen Reihen. Auch hier gibt es friendly fire

  8. bolag schreibt:

    willkommen in der realität.
    schön, dass du aufgewacht bist. so wie viele wenn sie polizeibrutalität mal selber erleben.

  9. Tofan-Fan schreibt:

    Auch ich bin „wütend, enttäuscht, desillusioniert, fassungslos … ich schreibe sogar einen Kommentar zu diesem Blogpost, auf dem diese gegendemonstrierenden Menschen „ihren Dreck“ verbreiten; ich „kann auch nicht beschreiben, was in mir vorgeht“, wenn ich diesen Blogpost lese, ich bin „wütend, weil keine Rücksicht“ auf die Polizei „genommen wurde“ und ich habe „Angst. Angst um die“ Polizistenmenschen „um mich herum, aber auch um mich selber“, wenn ich diesen gegendemonstrierenden Menschen und deren offener Rechtsverachtung einmal ausgesetzt sein sollte …
    Danke, danke, ihr Polizistenmenschen für eueren zurückhaltenden Einsatz, bitte, bitte, das nächste mal mehr Verve und, nicht vergessen, den Tofan aus dem Sack, dann geht’s schneller mit der Räumung dieser rechtswidrig gegendemonstrierenden Menschen, die „ihren Dreck“ über unser gemeinsames Rechtsverständnis überlautstark und wegelagernd ausbreiten.

  10. Beware of your eye schreibt:

    Ich lebe in Catalonien (ja, das liegt in Franco Spanien) und hier bin ich sehr vorsichtig geworden, wenn ich Demos besuche. Aus einem einzigem Grund: Ich habe große Angst, dass ich verletzt werde. Hier darf man Gummi Geschosse einsetzten. –> was die für Auswirkungen haben, brauche ich nicht zu erklären. Seit dem ich miterlebt habe, wie einer Frau vor mir das Auge in Barcelona ausgeschossen wurde, getraue ich mich nicht mehr an die „vorderste Front“ bei einer Demo
    Glaubt mir, das wird erst der Anfang werden im schönen neuen Deutschland und in dieser „neuen“ Weltordnung.

    Wenn Ihr wollt, dann könnt Ihr euch hier über Ester informieren:

    http://www.ojocontuojo.org/en_US

    • Tofan aus dem Sack schreibt:

      @ Beware of your eye
      Espana una, Espana grande, Espana libre (y Espana blanca), arriba Espana!
      „Cara al sol con la camisa nueva que tu bordaste en rojo ayer, me hallara la muerte si me lleva y no te vuelvo a ver …“
      „!Viva Espana! … ame la Patria pues sabe abrazar, bajo su ciela azul, pueblos en libertad …“

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