„Einmal und nie wieder“

Das waren die passenden Worte meiner Großmutter am Ende einer nachdenklichen Reise. Eine Reise, die mehr war als nur ein physischer Ausflug an einem Ort. Es war auch eine Reise in die Geschichte, in den Teil unserer Geschichte, den wir niemals vergessen dürfen.

„Ich war noch nie in einem KZ“

Ja, das war die traurige Wahrheit. Ich konnte diesen Zustand erst zum heutigen Tag ändern. Als ich dies eines Abends wieder bei meiner Oma am Wohnzimmertisch erwähnte, schlug sie gleich vor: „Lass uns zusammen nach Flossenbürg fahren.“

Flossenbürg. Eine Stadt in der nördlichen Oberpfalz an der Grenze zur Tschechischen Republik, welche im Zusammenhang mit Naziterror nicht sofort in den Kopf kommt. Auschwitz und Dachau kennt wohl jeder. Aber Flossenbürg?

In Flossenbürg stand von 1938 bis 1945 ein Konzentrationslager, in dem die SS im Laufe der Zeit über 100 000 Gefangene „hielt“. Mindestens 30 000 kamen in der Haft ums Leben.

Menschen aus 44 Nationen wurden unter unmenschlichen Bedingungen als Zwangsarbeiter in den Steinbrüchen und ab 1943 (Flossenbürg wurde zum Rüstungsstandort) für die Firma Messerschmitt eingesetzt. Zunächst nur „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“, bald auch politische Gefangene, Homosexuelle, Kriegsgefangene und Juden. Sie wurden dort systematisch gebrochen, ausgebeutet und ermordet.

Wir dürfen niemals vergessen

Aber warum ist dieses KZ trotz dieser schrecklichen Taten nicht jedem geläufig? Das liegt zum großen Teil daran, dass die Menschen vor Ort, wie so oft in Deutschland, die Verbrechen, ihre Mitschuld und alles was damit zu tun hat, nicht eingestehen und wahrhaben wollen. Obwohl 1946 dort die älteste bayrische NS-Gedenkstätte „Tal des Todes“ von ehemaligen Polnischen Gefangenen errichtet wurde, versuchte die Bevölkerung Flossenbürgs einfach alles zu überspielen.

Auf dem Gelände wurden neue Häuser gebaut, in die alten SS-Wohnquartiere zogen neue Familien und weitere Räumlichkeiten wurden von Firmen als Produktionsstätte genutzt. Hohe SS- und NSDAP-Funktionäre wurden gar nicht oder kaum bestraft (viele im Nachhinein sogar wieder frühzeitig entlassen).

Selbst 1961, als meine Großmutter das erste mal dort war, wollte keiner der Dorfbewohner irgendetwas gewusst haben.

Sie haben es alle gewusst. Fast alle Betriebe im Umfeld haben Aufträge und/oder Zwangsarbeiter aus dem KZ bekommen. Die Einwohnerzahl (der freiwillig Ansässigen) verdoppelte sich durch die SS und deren Angehörige. Die Zwangsarbeiter zogen am Morgen und am Abend durch die Straßen vom KZ zum Steinbruch und zurück.

Wer denkt, dies sei alles ein Laster der Vergangenheit, der täuscht sich. Auch jetzt gibt es viele Stimmen vor Ort, die sagen, es sei genug. Man solle das Vergangene ruhen lassen und übrigens „gäbe es ja noch Auschwitz und Dachau und dagegen wäre dieses KZ nichtig gewesen“.

Nein! Wir dürfen niemals vergessen! Nicht die Täter, nicht die Ursachen und besonders nicht die abertausenden Opfer. Wenn wir das tun, lassen wir sie erneut sterben und dann für alle Zeit.

Es ist noch nicht all zu lange her…

Da war es wieder so weit. Wir hatten vergessen. Am 24. August jährt sich der 20. Jahrestag des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen. Dort griffen hunderte Neonazis ein „Asylantenheim“ an und tausende Bürger sahen nicht nur zu, sondern klatschten Beifall und feuerten die Täter an.

Eine Welle von rassistischen Gewaltdelikten zog durch Deutschland, Nazis und rechtes Gedankengut wurden wieder hoffähig. Die Mitglieder des „Nationalen Untergrund“ wurden politisiert und mordeten bis ins 21 Jahrhundert.

Die Reaktion der Politik und der Gesellschaft war aber nicht, die Probleme an der Wurzel zu packen. Man schaffte vielmehr das Grundrecht auf Asyl ab (SPD, Union und FDP), relativierte die Taten und schrie. Man schuf einen „starken“, überwachenden Law&Order-Staat.

An der Aufdeckung der Zwickauer Terrorzelle, dem aufkommenden Rechtspopulismus in Europa und auch an der NPD sehen wir, das es noch lange nicht vorbei ist.

Wir müssen uns wehren gegen nationalistische und rassistische Strömungen, gegen einen Überwachungsstaat, gegen das Vergessen und gegen das Relativieren.

Die Vergangenheit ist ein Mahnmal und unsere Aufgabe für die Zukunft.

Deswegen: Unterstützt die Gedenkdemo am 25. August in Rostock, fordert die Wiedereinführung des Grundrechts auf Asyl und bekennt Farbe für eine tolerante, offene und grenzenlose Welt ohne Hass und Zerstörung.

Und am Ende noch die Worte, welche ich in das „Gästebuch“ der Gedenkstätte heute niederschrieb, die Worte, die man niemals oft genug wiederholen kann:

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

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2 Antworten zu „Einmal und nie wieder“

  1. Hansi schreibt:

    Das „wegschauen“ und „ich hab davon nix gewusst“ ist und bleibt leider ein lästiges Laster der Deutschen. Die hätten damals, und sollten es auch heute, auf die Straße gehen. Heute mehr denn je.

  2. Pingback: Denke ich an Rostock in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht! « Beiträge aus dem beschädigten Leben

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