Ab wann ist man eigentlich Pirat? Ein Erklärungsversuch

Ich twittere in letzter Zeit Sachen wie: “Pirat zu sein ist eine innere Einstellung“ oder „Nicht jedes Mitglied der Piratenpartei ist ein Pirat und umgekehrt“ oder „Pirat ist nicht jeder“ uvm.

Was ich damit meine, will ich euch kurz erläutern, euch ein paar meiner Gedankengänge mitgeben und würde mich freuen wenn ihr mir auch eure Ideen oder Gedanken mitteilen würdet.

Problemstellung: Wir sind ein Sammelbecken von Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen und Hintergründen.

„Hey halt! Das ist kein Problem“ schreit da Pirat XY „Das ist doch gut. Dann bilden wir den Bevölkerungspluralismus ab und somit bekommen wir mehr Stimmen und mehr Geld.“

Aber ist es das, was wir wirklich wollen? Eine neue „Volkspartei“ werden bzw. sein?

Wollen wir in der Piratenpartei einen Spiegel der gesamten Bevölkerung?

Ich sage: Nein!

Und das aus mehreren Gründen.

(Möchtegern-)Volksparteien sind ein Problem  

Man möchte als Volkspartei gerne alle Meinungen in der Bevölkerung und in der Partei vertreten, damit man so viele Stimmen wie möglich abgreifen kann. Nicht nur der Vorstand bei der nächsten internen Wahl, sondern auch bei den öffentlichen Wahlen, um dort an die Macht zu kommen.

In Volksparteien geht es also hauptsächlich um Machtgewinn und Machterhalt.

Jetzt ist es aber so, dass wir ja eigentlich ein Mehrparteiensystem haben. In so einem System schließen sich Teile der Bevölkerung mit ähnlichen Ideen und Idealen in Parteien zusammen, um ihre Interessen stärker nach Außen zu vertreten und auch durchzusetzen. Die Bürger haben dann die Möglichkeit aus einem großen differenzierten Pool eine Partei herauszusuchen, welche die Grundeinstellungen und Ansichten des Bürgers vertritt. Es existiert eine große Wahlbeteiligung, weil ja für jeden was dabei ist.

Ach, die Wahlbeteiligung sinkt konstant seit Jahren? Kein Wunder. Wie wir ja schon gesehen haben, will jeder Volkspartei sein, weil das ja der Königsweg zur Macht ist.

Die Rechnung geht aber nicht auf. Die Parteien gleichen sich thematisch sehr schnell an, weil jeder das gesamte politische Meinungsspektrum der Gesellschaft abbilden will. Deshalb kommen aus den Mündern von Politikern aller Lager die gleichen inhaltsleeren Aussagen, damit ja nicht irgendwelche potenziellen Wähler verschreckt werden. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich der Wähler denkt: „Ist ja scheißegal, wen ich wähl, die sind ja eh alle gleich.“ Und dann wird aus ihm einer dieser ominösen „Nichtwähler“.

Die Piratenpartei hat eine Aufgabe

Wir haben uns zusammengeschlossen, nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil wir merkten, dass wir in ein Jahrhundert hineingeboren wurden bzw. hineingewachsen sind, dass so elementar anders ist als all die Jahrhunderte davor. Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters mit neuen Aufgaben, Problemen und vor allem auch Möglichkeiten.

Die „etablierte“ Politik reagierte auf diesen Epochenwechsel mit Ignoranz, Boykott und mit Bestrebungen ihn zu verhindern. Die Hintergründe sind so pluralistisch wie unsere Welt. Die Einen verstehen ihn einfach nicht und andere sehen ihre Macht gefährdet.

Das rief uns auf den Plan, die Schöpfer und die Kinder dieser neuen offenen Welt. Wir wollten nicht mehr zuschauen, wie die alten Eliten über unsere Köpfe hinweg einerseits die neuen Errungenschaften zerstören wollten und andererseits die neuen Probleme gekonnt ignorierten. Das war die Geburt der Piratenpartei.

Wir sind die Minderheit.

Wie bei jedem Umbruch ist der größte Teil der Bevölkerung einfach noch Anhänger der „alten Welt“. Weil sie sind dort geboren und aufgewachsen sind. Auch haben sie die alten Regeln in- und auswendig gelernt. Für sie existiert einfach nichts anderes und es wird auch nichts anderes mehr geben.

In der Geschichte kann man sehr gut nachverfolgen, dass es irgendwann immer zu einer kritischen Menge der „neuen“ Kräfte kam. Diese kritische Menge war aber immer noch ein kleiner Teil der Bevölkerung, aber es reichte aus, dass sie, oft auch mit Gewalt, die Evolution der Gesellschaft vorantrieben.

Ob wir schon bei dieser kritischen Menge sind, kann ich noch nicht wirklich sagen, auch weil dies erst in der Nachbetrachtung wirklich klar wird. Aber wir sind auf jeden Fall schon sehr nah dran. Man hört unseren Ideen zu und nur allein durch unsere Existenz und unserem Erfolg verändert sich schon viel.

Durch ein bisschen die Welt beobachten, durch Gespräche mit Menschen auf der Straße und durch Texte durchforsten, muss man aber zu der Erkenntnis kommen, dass der Anteil der Piraten in der gesamten Gesellschaft bei höchstens 3-5% liegt.

„Halt! Das stimmt doch gar nicht!“ schreit wieder Pirat XY in den Raum. „Wir haben doch Umfrage Ergebnisse bei 6-10%  und auch ähnlich hohe Wahlerfolge.“

Es gibt aber einen Unterschied zwischen Wähler der Piratenpartei, Mitglieder der Piratenpartei und Piraten.

Wähler der Piraten sind Leute die ein Kreuz auf den Wahlzettel bei den PIRATEN machen.

Und nach Wahlanalysen und persönlichen Gesprächen scheint dies auch zum größten Teil aus Frust von der Angebots- und Inhaltslehre des etablierten Parteienmarkts zu sein. Nur ein kleiner Teil macht das aus Überzeugung.

Mitglieder der Piratenpartei sind Menschen welche einen Mitgliedsantrag ausgefüllt haben und den Mitgliedsbeitrag zahlen. Das zweite ist bei einem durchaus beträchtlichen Teil der Partei noch nicht mal gegeben. Der Spaß kostet nicht mal 50 Euro im Jahr und man kann es sogar online abwickeln. Aus dem oben genannten Frust, aus Machtinteresse und manchmal auch aus geistiger Verwirrtheit tummeln sich dann halt auch Menschen bei den Piraten rum, die da eigentlich nichts verloren haben.

Piraten sind Anhänger, Kinder, Denker, Schöpfer usw. der vernetzten, grenzenlosen, freien Welt, ganz unabhängig, ob sie in einer Partei sind oder parteilos. Piraten haben ähnliche Ideale, Vorstellungen und Vorlieben. Sie vereint so viel mehr als nur ein Mitgliedsausweis oder eine politische Einstellung.

Man kann aber natürlich auch alle drei Zustände in einer Person vereinen.

Wir können eine gewaltige Zukunft haben.

Dieses „Wir“ ist zweigeteilt. Einerseits meine ich mit „Wir“ die deutsche Piratenpartei und auf der anderen Seite auch „Wir“ alle Piraten auf dieser Welt.

Wir als Piratenpartei können die neue politische Kraft sein, die neue Ideen einbringt, verrostete Machtketten sprengt und die neue politische Welt mitgestaltet. Aber das schaffen wir nur, wenn wir uns nicht den anderen Parteien anpassen, wenn wir uns treu bleiben UND wenn wir weiter neue Ideen entwickeln und sie auch vertreten. Wenn wir nicht jeden akzeptieren, der meint hier mitmischen zu wollen, wenn wir uns klar positionieren und wir klare Worte auch in der Öffentlichkeit verwenden. Wir müssen gegen alle Bestrebungen kämpfen, welche die Ideale dieser Partei kaputt machen wollen. Sonst sind wir am Ende auch welche, von denen gesagt wird:„ist doch egal, was man wählt. Ist eh alles das Gleiche!“

Für uns Piraten ist die Zukunft nicht so bedroht. Wir werden weiter existieren auch wenn die Piratenpartei irgendwann in der Versenkung verschwindet. Und auch egal wie sehr sich die „alten Kräfte“ gegen uns stellen, am Ende werden wir die Mehrheit sein.

Aber vergesst nicht: je mehr Zerstörung wir bis dahin zugelassen haben, desto länger wird es dauern, die Welt wieder aufzubauen. Einiges kann auch für immer untergehen.

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5 Antworten zu Ab wann ist man eigentlich Pirat? Ein Erklärungsversuch

  1. Dominik schreibt:

    Hallo Jan,
    ich habe deinen Beitrag gelesen und finde du hast, was die Zukunft der Piraten angeht recht. Der Beitrag ist mir für meinen Geschmack nur etwas zu pathetisch. Die Menschen der vergangenen Jahrhunderte haben sich immer zu Lebzeiten am Rande einer Zeitenwende gewähnt. Dies im Hinterkopf zu behalten hilft, etwas auf dem Teppich zu bleiben. Die anerkannten Zeitenwenden in der Wissenschaft sind zu allererst Antike, Mittelalter und Moderne. Wir haben derzeit eine Diskussion ob wir uns in einer „postmodernen“ Entwicklung befinden. Julia Schramm ist dabei innerhalb der Partei sehr engagiert. Hierzu empfehle ich sich mit dem Poststrukturalismus zu beschäftigen, gab dazu auch mal irgendwo einen Podcast. Fakt ist, das Netz verändert die Welt auf extreme Art und Weise. Die Fähigkeiten der Menschen diese Entwicklung richtig zu nutzen wird immer mehr deren Macht und Einfluss bestimmen. Ob ich die Menschen, die sich dies zunutze machen Piraten nennen würde, weiß ich nicht. Ob ich den Namen einer Partei, der mehr aus Notwehr und Notwendigkeit, als aus dem Eintreten für eine bestimmte Politik entstand, tragen möchte weiß ich nicht. Es wird derzeit viel versucht, diejenigen welche die Wählerschaft der Piratenpartei ausmachen zu betiteln. Da spricht man von der Netzgemeinde, den Digital Natives usw.
    Ich spreche von Menschen. Es gibt bereits so viele Kategorien die uns auf dieser Welt trennen, jetzt eine weitere aufzumachen und Piraten, Piratenmitglieder und Wähler zu trennen ist unnötig, vielleicht irreführend und im extremfall schädlich.

    Die Piratenpartei hat sich immer durch ihre Offenheit ausgezeichnet. Mit der Definition was ein Pirat ist verliert sie die Fähigkeit den Begriff neu zu erfinden. Kein Mensch wusste im Jahr 2009 das wir ein BGE fordern würden. Dies geschah, weil viele, welche die Idee gut fanden, anfingen sich bei den Piraten zu engagieren. Würden wir heute sagen, das BGE ist ein Kernthema der Piratenpartei? Sicherlich. Hätten wir die Kernthemen der Piratenpartei im Jahr 2009 definiert wäre das BGE sicher nicht dabei gewesen. Ich jedenfalls bin gespannt was in den nächsten Jahren noch passieren wird, auch ohne das ich weiß was ein Pirat jetzt eigentlich nochmal genau ist. Mit dieser Unsicherheit kann ich gerade deshalb leben, weil ich dafür so viel Neues zulassen kann.

  2. Astrid schreibt:

    Rund heraus gesagt: ich freue mich, dass noch jemand das ausdrückt, was mich grade in den letzten Wochen auch bewegt.
    Ich habe mich da neulich auch schon mal in die Definition „echter Pirat“ geflüchtet – im Gegensatz zu den vielen, die unsägliche Diskussionen über die Bestätigung des jeweils eigenen Standpunktes betreiben…und das auch mal im Hinblick auf den nächsten Listenplatz.
    Dabei könnte doch zumindest die Frage nach dem gültigen programmatischen Schwerpunkt ganz einfach aufzulösen sein:
    Es steckt dahinter doch die Frage „in welcher Gesellschaft wollen wir morgen leben?“ Und eine echte „Gemeinschaft der Piraten“ sollte meiner Meinung nach genau dazu eine Art Forschungsfeld sein. In der menschlichen Grundhaltung gegenüber anderen/fremden Meinungen (Neugier mit kritischer Wachheit halt) ebenso wie im Erproben tauglicher Techniken, Meinungen zur Geltung zu bringen und daraus tragbare Entscheidungen zu machen.

    Für mich ist als Orientierung da auch nach wir vor der „Kodex der Piraten“ gut geeignet – ein humanistisches Menschenbild, in dem kritisches HInterfragen und liebevolle Mitverantwortung Hand in Hand gehen. Und ja – es steckt auch eine gehörige Portion Romantik mit drin („Piraten suchen ihr Schiff“).

    Das hat allerdings mit der Suche nach optimaler politischer Kompatibilität nicht ganz soviel zu tun; und natürlich sehe auch ich den Konflikt, in den wir dadurch geraten, wenn wir ja schließlich auch zu Wahlen antreten wollen.
    Aber vielleicht brauchen auch gerade die Piraten, die in den Parlamenten und auch Ämtern „an Land“ gehen, dringender denn ja die Unterstützung der Piraten auf ihrem Schiff!
    „Ab wann ist man eigentlich Pirat?“ -vielleicht, wenn man mit seiner Mannschaft den Brechern von allen Seiten getrotzt hat. In diesem Sinne: auf in die Wanten!

  3. Pingback: Quo Vadis #Piraten – #Piratenland bald abgebrannt? « dem alex sein digitales universum || alexander schnapper

  4. genoland schreibt:

    neu-piraten braucht das land !
    befremdliche diskussionen bei den piraten: “alt-piraten” gegen “neu-piraten”
    wie steht es nun um “transparenz” und “basisdemokratie” bei den piraten ?
    http://genoland.wordpress.com/2012/07/13/neu-piraten-braucht-das-land/

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