Der Fahrschein, die Kontrolleure und die Polizei

Ich hocke im Bus und bin geschockt. Bei mir hocken zwei Kontrolleure und ein Jugendlicher ohne Ticket. Sie warten auf die Polizei, welche zur Endhaltestelle bestellt wurde. Ein Konflikt, der so nicht sein müsste aber jeden Tag wieder in ganz Deutschland zu beobachten ist.

Drehen wir kurz die Zeit zurück und schauen uns den Ablauf bis zu diesem Augenblick einmal näher an. Ich hatte einen schönen Tag hinter mir und fuhr nun mit dem Bus nach Hause. Auf meinem Smartphone las ich gerade Artikel über die Urheberrechtsdiskussion und auch einen über die weitere Automatisierung aller Arbeitswege. Also Diskussionsbeiträge zu Debatten, die viel zu lange nicht geführt wurden. Ich war dementsprechend gut abgelenkt und bemerkte den Kontrolleur erst, als er mir seinen Dienstausweis unter die Nase hielt. Ich kramte meinen Ausweis und meinen Studentenausweis aus meinem Geldbeutel.

Ja ein Studentenausweis, dieses Ding, mit dem ich nicht nur Bücher in unserer Uni Bibliothek ausleihen darf und günstige Preise bei gewissen Einrichtungen bekomme, sondern auch Bus fahren darf. Ganz einfaches Prinzip. Jeder Student zahlt pro Semester einen Betrag, welcher ihn berechtigt in einem gewissen Gebiet, quasi fahrscheinlos, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. In manchen Bundesländern erlaubt dieser Studentenausweis das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel im ganzen Land. Bei uns in Bayern leider nur das Verkehrsnetz, welches im Umkreis der Uni oder FH liegt.

Bei mir ist dies der RVV, der Regensburger Verkehrsverbund, ein Tochterunternehmen der Stadt Regensburg. Genau, ein Tochterunternehmen der Gemeinschaft aller Bürger Regensburg. Beauftragt von unseren gewählten Vertretern, und somit von uns, und finanziert aus Steuergeldern. Wie auch jeder andere ÖPNV kann er sich nämlich nicht durch Fahrkarten selbst finanzieren.

Der Kontrolleur schaute also kurz über die Ausweise, nickte, ging weiter. Als nächstes wurden zwei Jugendliche von ihm kontrolliert, wahrscheinlich Kumpels, beide mit Ticket. Leider war eines von beiden heute Vormittag schon entwertet worden und somit wertlos. „Pech gehabt“ freute sich der Kontrolleur und verlangte den Ausweis des Jugendlichen zu sehen. Der hatte keinen und er wollte aussteigen. Nix da! Verständlich aber blöd für den jungen Kerl, der wie er sagte, nach Hause musste.
Die Fahrkartenkontrolleure ließen ihn nicht durch, weil sie Angst hatten, dass er außerhalb des Busses weglaufen würde. Wenn ich so etwas beobachte bekomme ich den Eindruck, dass die Beiden eine Provision bekommen für jeden Schwarzfahrer, den sie sich schnappen. Sie rufen nämlich die Polizei, damit diese an die Endhaltestelle kommt, um die Personalien des Jungen aufzunehmen

Ja genau – die Polizei, deren Aufgabe es ist, Verbrecher, die unsere Freiheiten angreifen, zu finden und sie zu einem Richter zu bringen. Diese Aufgabe wird ihnen vom Staat, also von uns, aufgegeben. Finanziert sind diese auch wieder durch unsere Steuergelder.
40 Euro kostet das Schwarzfahren den Jungen. Ich weiß nicht, wie viel ein Polizist verdient, aber die Zeit, welche sie zum Hinfahren zur Endhaltestelle, das Warten dort und die Zeit, in der sie die Personalien feststellen und wieder zu ihrer Station fahren, brauchen, kostet uns, die Gemeinschaft, sicher mehr als dieser „Schmarotzer“, welcher „kein Einsehen und keinen Anstand hat“ (Zitat der Kontrolleure). Diese Kosten werden wohl kaum durch das Bußgeld beglichen.

Inzwischen hatte die Mutter des Schwarzfahrers angerufen und fragte ihren Sohn, wo er denn sei, da sein Chef daheim auf ihn wartete. Erst mal schrien sich das weibliche Elternteil und ihr Sprössling durch das Telefon an. Also beim Jungen konnte ich es hören und bei der Mutter vermutete ich es, weil er immer wieder schrie: “Schrei nicht so rum.“ Es ging in diesem Gespräch vor allem darum, dass die Mutter den Kontrolleur sprechen wollte, aber der nicht mit ihr. Das versuchte der Junge seiner Mutter klar zu machen, aber die glaubte ihm scheinbar nicht.

Der Junge war jedoch multitaskingfähig und schrie dem Kontrolleur immer wieder ins Gesicht, dass er Schuld daran sei, dass er nun Stress mit seiner Mum und seinem Chef habe. Der ganz trocken: „Ich bin nicht Schuld, hättest du dir halt ein Ticket gekauft, dann wärst du auch nach Hause gekommen.“ Faktisch richtig, hat aber auch einen Haken. Der Junge schien mir, wegen der Art der Konversation mit seiner Mutter, nicht gerade aus einer Akademikerfamilie zu kommen. Dass er wirklich noch sehr jung war und schon arbeitete, deutete auch daraufhin, dass seine Schullaufbahn recht kurz war und er noch ein Lehrling ist. Also alles wies darauf hin, dass er jetzt nicht gerade in Geld schwimmen würde. Ich meine, wenn das so wäre, würde er sicher auch ein Ticket besitzen, wahrscheinlich auch ein Monatsticket. Denn diesen Stress tut sich niemand freiwillig an.

Der Jugendliche ließ immer weiter den Ärger mit seiner Mutter an dem Kontrolleur aus. Die Beleidigungen und Beschimpfungen waren noch in dem Rahmen, dass es ganz human war, aber aufzählen brauche ich sie trotzdem nicht. Unterdessen kamen zwei noch jüngere Fahrgäste hinzu. Da ich öfters in diesem Bus fahre, wusste ich, dass sie in Regensburg in die Schule gehen und somit ein Schulticket besitzen. Der eine hatte es auch schon in der Hand und der andere nur ein paar Münzen. Sie hatten also von draußen schon gesehen, dass Kontrolleure im Bus warteten.
„Ich habe leider mein Geldbeutel mit meinem Schülerticket daheim und nur 60 Cent, aber ich muss nur zwei Stationen weit.“ so der kleine Junge zum zweiten Herr des Kontrollduo, bevor der überhaupt die beiden nach ihren Fahrscheinen fragte.
„Das kann ja nicht sein, dass man in einen Bus steigt ohne ein Ticket! (das genannte Gefährt war noch nicht mal los gefahren!). Mensch Kinder, was soll denn das, wie heißt du denn?“ kam nur als Antwort und dabei zuckte er sein Bußgeldblock.

Jetzt war mir klar, diese Kerle müssen eine Provision bekommen. Sie sind so heiß drauf, dass sie sogar bei kleinen Kindern, noch bevor der Bus losgefahren ist, abkassieren wollen. Das bedeutet im Klartext, dass sie einfach scheißewenig verdienen müssen um so tief zu sinken.
Zusammen gefasst: Sie bekommen verdammt wenig Geld, müssen all ihr Mitleid und/oder Skrupel über Bord schmeißen und werden die ganze Zeit beschimpft. Ihr Job macht ihnen also sicher keine Freude. Sie machen das nur, weil sie Rechnungen zu bezahlen haben und ihnen wenig anderes übrig bleibt. Sie würden diese Arbeit sicher nicht machen, wären ihre Existenzängste durch ein gutes Sozialsystem abgeschwächt oder ganz weggeblasen.

Zurück zur Situation im Bus: Die Endstation war nicht mehr weit aber das Finale dieser Geschichte bekam ich nicht mehr mit. Die nächste Haltestelle war nämlich meine. Ich packte alles zusammen und drückte auf dieses rote Knöpfchen.
Der Bus hielt, der Junge hockte immer noch hinten im Bus, stritt lautstark mit seiner Mutter am Telefon, die Kontrolleure machten mir den Weg frei und ich stieg aus.

Ich stieg aus und hatte ein Scheißgefühl. Ich hatte ein Scheißgefühl, weil dieses Fahrschein-System in der Vergangenheit schon immer unsozial, unrentabel und einfach kontraproduktiv war und es in Zukunft immer sein wird. Wir brauchen endlich ein Umdenken, ein Update.
Wir brauchen einen fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehr deutschlandweit!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Mein Leben oder wie man sonst dieses komisches Konstrukt nennen kann, Politisch und stolz drauf! abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Der Fahrschein, die Kontrolleure und die Polizei

  1. vitzliputzli schreibt:

    trotz millionenschwerer subventionen trägt sich das nahverkehrsystem kaum. wenn jetzt noch die fahrkarteneinnahmen wegfallen … wie soll das bezahlt werden? steuererhöhungen? schulden?

  2. Itari schreibt:

    wenn es einen fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehr geben würde, wären die Kontrolleure arbeitslos

  3. Berti schreibt:

    das ist tatsächlich ein Problem, bei dem ich dir größtenteils zustimme.
    der öffentliche Nahverkehr benötigt unbedingt ein neues System, das gewährleistet, dass die Fahrgäste auch für die Leistungen die Sie in Anspruch nehmen bezahlen, dass sie aber nicht sofort kriminalisiert werden, wenn sie dies nicht tun. Das Problem ist meiner Meinung nach einfach, dass diese Gruazone des schwarzfahrens überhaupt erst ermöglicht wird. Die Fahrgäste, insbesondere jüngere, bei denen das Geld nicht so locker sitzt, werden immer in Versuchung gebracht. Und du kennst das ja genauso gut wie ich. Man hat eine sehr unentspannte Fahrt beim Schwarzfahren, ärgert sich allerdings auch, wenn man ein Ticket kauft und es am Ende unnötig gewesen wäre, weil man nicht kontrolliert wurde. (By the way, ich musste während der letzten 3 Semester monatlich 50 Euro für öffentliche Verkehrsmittel ausgeben, da es in München weder ein Semesterticket noch eine Vergünstigung für Studenten gibt…)
    Auf jeden fall, diese Grauzone muss aufgehoben werden. Dies kann auf zwei Arten erfolgen:
    1) öffentlichen Verkehr Bundesweit kostenlos machen.
    2) effiziente Kontrolle, so dass schwarzfahren nicht mehr möglich ist,

    Ich weiß du bevorzugst die erste Variante. Obwohl ich auch jetzt noch monatich einen stattlichen Betrag für öffentliche Verkehrsmittel ausgebe, bin ich der Meinung, dass diese Variante keinen Sinn macht. Was würde diese Variante bedeuten? Sie bedeutet, dass die Kosten für Busse, Ubahn etc. auf die gesamte Bevölkerung umgelegt werden. Ergo, die Steuern sich erhöhen und auch die dafür zahlen müssen, die diese Leistungen überhaupt nicht in Anspruch nehmen.
    Ich war noch vor kurzem für einen längeren Zeitraum im Ausland, in Malaysia. Dort hab ich gesehen, dass es auch anders geht, dass die Verkehrsmittelbetreiber effizient verhindern können, dass Menschen schwarz fahren. Im Bus funktioniert das ganz einfach dadurch, dass jeder vorne einsteigen und sich ein Ticket kaufen muss. (das im übrigen keinesfalls teuer war, auch nicht für Einheimische) An Ubahnen gibt es Schranken, die sich erst öffnen, wenn man ein gültiges Ticket davor hält. Eine Lösung, die übrigens nicht nur in Asien sondern auch seit Jahrzehnten in Rom, Paris, New York… eingesetzt wird.
    Die Grauzone von der ich zuvor gesprochen habe ist damit aufgehoben und ein ineffizientes System aus Fahrkartenkontrolleuren, Kriminalisieren der Fahrgäste und sinnlosen Polizeieinsätzen Vergangenheit.
    Natürlich bin ich trotzdem der Meinung, dass es unbedingt nötig ist, die Fahrpreise an die finanziellen Verhältnisse bestimmter Bevölkerungsgruppen anzupassen.
    Auch ganz einfach in meinem Interesse als Student in München. 😉

  4. VivaLaNoche schreibt:

    ok, der kleine junge zum schluss tut mir leid und meistens sind kontrolleure da auch nicht so streng. aber der andere… was soll man denn sonst machen?! wenn er seine personalien nicht rausrücken will, denn muss die polizei ran. und lautstark sich streiten mit den kontrolleuren bringt doch eh nichts – er muss so oder so bezahlen!
    ich bin gegen einen fahrscheinlosen öffentlichen nahverkehr! wenn man einen fahrschein hat, ihn aber vergisst, kann man den nachreichen und muss nur 10 euro bezahlen. wenn man keinen hat, denn fährt man nunmal schwarz und diese schwarzfahrer müssen dafür bezahlen!

  5. umrath schreibt:

    Leider sind derartige Beispiele eher Normalität als Ausnahme und das zeigt recht deutlich, dass das derzeitige System dringender Änderungen bedarf.

    Aber auch ziemlich traurig zu sehen, dass die meisten Kommentatoren hier auf der Seite den Blog-Eintrag offenbar gar nicht verstanden haben.

  6. MikeZ83 schreibt:

    @Jan Die Überreaktion der Kontrolleure scheint aber eine neuere Entwicklung zu sein. Kann mir aber schon denken, wer da dienst hatte.
    Durfte kurz nach der Jahrtausendwende selbst ein paar Jahre die tägliche Pilgerfahrt mit den Viehtransportern (Linien 6 und 11) zum Sammelgebäude mitmachen und hab´ dann die letzten 6 Jahre direkt in Regensburg gewohnt. Die Situation der Kontrollen scheint sich aber erst in den letzten 3-4 Jahren immer weiter zugespitzt zu haben.

    @Berti: Um so etwas zu sehen, brauchst du gar nicht bis nach Paris. Die Busse hier in Bayreuth arbeiten nach dem selben Prinzip. Auf der anderen Seite ist das hier aber auch eine Stadt mit nur 70.000 Einwohnern und einem lächerlichen ÖPNV, der eher einer halb so großen Stadt entspricht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s