Letzten Donnerstag 2.0

Letzten Donnerstag war ich mal wieder unterwegs zum Regensburger Piraten Stammtisch. Es war einer der ganz seltenen Fälle eingetreten, dass ich einmal nicht zu spät dran war. Deswegen legte ich einen niedrigen Gang ein und ging beobachtend meinen Weg. Ich peilte eine Seitenstraße an, um den Menschenmassen zu entkommen und sah, wie ein junger Mensch einer älteren Frau, deren äußeres Erscheinungsbild einen gutes finanzielles Polster vermuten ließ, etwas hinterher rief.

Da ich eh in der Richtung dieses Ereignisses unterwegs und schon immer ein sehr interessierter Mensch war, ging ich offen darauf zu. Die Frau war schon fast außer Hörweite und ich traf nur einen jungen Mann, dessen Leidensgeschichte sich schon in seinen Augen und seiner gesamten Körperhaltung wiederspiegelte. Bevor ich etwas sagen konnte, fragte er mich direkt, aber beschämt, ob ich ihm nicht zwanzig Cent geben könne, damit er seiner vegetarischen Freundin einen Veggiburger mitnehmen kann. Seine Aussage strahlte so viel Ehrlichkeit aus, obwohl mir das egal ist. Ich gab schon Menschen Geld, die mir fast zu 100% nicht den wahren Grund der gebeteten Almosen angaben. Er wirkte so verzweifelt, so missverstanden und mitteilungsbedürftig. Er fing sogleich an, seine Situation sehr verlegen und ungefragt zu erklären mit Hilfe eines Teils seiner Lebensgeschichte. Er erzählte mir auch von der Begegnung mit der Frau, die ich beobachten konnte. Diese hatte ihn als asozialen Penner, der sich doch endlich eine Arbeit suchen sollte, beschimpft.

Da machte es bei mir Klick.
Habe ich so etwas nicht schon einmal miterlebt?
Vor fast einem dreiviertel Jahr, als ich in Berlin lebte, war ich unterwegs, man glaubt es kaum, um mich mit anderen Piraten im Cbase zu treffen. Am Alexanderplatz musste ich die U-Bahn wechseln. Das traf sich gut. Denn mein Geldbeutel war besonders leer und ich wusste, dass auf dem Weg zu den anderen Gleisen ein Geldautomat stand. So stieg ich ab in die Berliner Katakomben und sah eine zerstörte Existenz. Nie wieder habe ich so ein Elend live und wahrhaftig vor mir gesehen.
Ein alter Mann, dessen Zustand so erbärmlich war, dass er äußerlich mehr einem Untoten als einem Lebendigen glich. Seine Kleidung war in Fetzen und seine Beine waren so verkrüppelt, dass ihm das Gehen ohne Krücken unmöglich schien. Selbst das Stehen mit seinen Gehhilfen schien ihm schwer zu fallen. Ganz verlassen stand er da und die Menschen liefen
-unbekümmert um sein Schicksal- an ihm vorbei, als wäre er ein Stück Abfall am Boden, deren Aufmerksamkeit er nicht wert ist. Ich ging zu ihm und sprach ihn an. Er wollte mir zuvorkommen, sicher auch, um mich – wie die Anderen – um ein wenig Geld zu fragen, aber die Worte kamen nur bruchstückhaft und kaum verständlich von seinen Lippen. Ich redete mit ihm wie mit jedem anderen Menschen auch, hörte mir seine Situation an und stellte Fragen. Er blühte richtig auf. Er begann flüssig zu reden und seine Augen fingen an zu leuchten. Er schien etwas Lebensfreude zurück zu bekommen, und das nur, weil ein anderer Mensch ihn wieder so behandelte wie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Ich gab ihm, als ich mich dann doch aufmachen musste, um meine U-Bahn zu erwischen, fünf Euro, aber er freute sich wohl vor allem über den Respekt, mit dem ich ihn behandelte. Ich entschuldigte mich, verabschiedete mich höflich und verschwand um die Ecke. Ich hatte noch gar keine Zeit, das Erlebte zu reflektieren, da hallte lautes Gebrüll durch den Untergrund.

„DU SCHEISS PENNER! GEH ARBEITEN! ODER BESSER GEH STERBEN DANN MUSS NIEMAND MEHR DEINENEN ANBLICK ERTRAGEN!“
Jeder hörte es, einige schauten zurück, aber keiner blieb stehen.
Ohne groß nachzudenken und voller Wut drehte ich bei und lief wieder in Richtung meines zurückgelassenen Gesprächspartners und der Quelle der verbalen Attacke.
Was musste ich da sehen. Ein riesiger Mann, mindestens zwei Meter groß, muskelbepackt, sauber frisiert, mit eleganten Anzug und Aktentasche schrie immer noch Beleidigungen in Richtung des alten armen Mannes. Er machte sich dabei nicht einmal die Mühe, stehen zu bleiben. Er schimpfte im Gehen und seine Augen funkelten vom Hass und Ekel. Das Traurige war, dass die Menschen zwar einen Bogen um das Geschehen machten und aus der Ferne, beim Vorübergehen, zu gaffen, aber keiner kam nur auf die Idee einzuschreiten. Aus lauter Wut war alle Angst aus mir gewichen und ich kleiner Mensch stellte mich den wütenden Berg in den Weg.

„WAS FÄLLT IHNEN EIN, EINEN MENSCHEN, DEM ES SEHR DEUTLICH SCHLECHTER GEHT ALS IHNEN, SO ZU BEHANDELN? EGAL, OB ER AN SEINEM SCHICKSAL SELBST SCHULD IST ODER NICHT, MAN SIEHT, DASS ER HILFE BRAUCHT. WAS FÜR EIN MENSCH MÜSSEN SIE SEIN, IHM DEN TOD ZU WÜNSCHEN UND IHN ABZUSTEMPELN OHNE IRGENDETWAS ÜBER IHN ZU WISSEN?“
Ich warf ihm in meiner Raserei lautstark noch weitere solcher Sätze gegen den Kopf und er sagte nichts. Er war nicht beschämt, sondern war eher verwundert, dass jemand, der ihm so körperlich unterlegenden war, Paroli bat. Als ich fertig war und er immer noch nicht reagierte, gab es von mir noch ein lautes „EINEN SCHÖNEN TAG NOCH“. Dann verschwand ich in Richtung meiner U-Bahn.
Ich weiß, mein Handeln war damals sehr gefährlich, aber ich sah die Gefahr nicht. Ich sah nur die Augen des alten Mannes, die solche Menschlichkeit und Dankbarkeit ausstrahlten. Sie waren auch der Grund warum ich die Nacht, ausnahmsweise, gut einschlafen konnte.
In dieselben Augen blickte ich letzten Donnerstag wieder. Nur diesmal war der Mann mindestens 30 Jahre jünger und auf dem Weg, die Chance zu nutzen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er war erfreut, aber auch sehr verwundert, dass es Menschen eines anderen Klientel gibt, die ihm trotzdem zuhören, keinen Ekel oder Vorurteile haben und ihm vor allem Respekt zollen.
Auch seine Augen haben sich in mein Gedächtnis gebrannt.

Kein Mensch wird so geboren oder aus eigenen schaffen so wie er ist. Seine Umgebung erzieht und verändert ihn. So ist jeder Mensch eine Replikation und somit ein Abbild der Gesellschaft.

Jan Kastner
jankastner@ymail.com


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