Bürgerforum 2011

Sehr geehrte Frau Jan…
Ok. Das fängt ja schon mal gut an. Wusste nicht, dass mein Vorname Kastener ist.
Leider finde ich hier keinen Button wo ich das ändern kann, und ein Ticketsystem für Beschwerden? Fehlanzeige.
Ich finde nichts.
Das kann ja mal heiter werden.
Als mich der Anruf erreichte, ob ich denn Interesse hätte, beim Bürgerforum 2011 – welches von unserem Bundespräsidenten Wulff ins Leben gerufen wurde – teilzunehmen, hatte ich eine berechtigte Skepsis.
Wenn ich schon Bundespräsident Wulff hör, stößt es bei mir sauer auf.
Wulff. Der CDU-Parteisoldat, der erst im dritten Wahlgang zum Oberhaupt der Bundesrepublik gewählt wurde. Nur damit er keine Konkurrenz mehr ist für Frau Merkel.
CDU. Das spricht alles nicht für ein wirkliches Interesse an einer aktiven Bürgerbeteiligung außerhalb ihrer Partei.
Trotzdem habe ich sofort zugesagt. Woher soll ich mir das Recht nehmen zu meckern, wenn ich es selbst nicht mitgemacht habe. Ich wählte intuitiv ohne groß nachzudenken das Feld „Demokratie und Beteiligung“, denn um nur das ging es ja bei dieser Veranstaltung.
Hätte ich gewusst, dass ich wochenlang vor Beginn der Aktion mit Anrufen und Emails zugespammt werde, hätte ich mir sicherlich länger Gedanken darüber gemacht.

Da stand ich nun, in der Lappersdorfer Gemeindehalle in einem Haufen fremder Leute. Aufgeschlossen wie ich bin, ging ich geradeaus zu einem Tisch in der fast leeren Halle. Als Erstes musste ich erfahren, dass alle anderen Namen richtig geschrieben sind und auch nur ich gestalkt wurde.
Meine ersten Gedanken über dieses Forum bestätigten sich. Die Initiatoren waren neben unserm Wulffi, die Bertelsmann und die Heinz Nixdorf Stiftung. Vor allem die Hauptstiftung Bertelsmann ist mir ein Dorn im Auge. Ihr wird vorgeworfen, nur marktliberale Politiker (Hauptsächlich aus der Union und der FDP) zu unterstützen. Auch hat die Vergangenheit gezeigt, dass sie alles Andere sind als bürgerfreundlich und demokratiefördernd. (Wikipedia liefert einige interessante Fakten dazu. Bei Interesse bitte nachlesen! )
Aber dann wurde ich das erste Mal an diesem Tag, und auf keinen Fall das Letzte mal, positiv überrascht. Alle Teilnehmer an meinem Tisch hatten eine Grundskepsis gegenüber diesem Forum und wollten – wie ich – wirklich etwas verändern.
Der Anfang zog sich sehr lange hin, was zu interessanten Gesprächen, aber auch zu Unmut unter den Beteiligten führte .
Dann kam er auf die Bühne. Der Moderator. Mangels einer Selbstvorstellung hat bis Ende der Veranstaltung niemand seinen Namen erfahren. Nett war er ja, aber leider auch einfach nur langweilig. Fast einschläfernd erzählte er uns über den Tag verteilt immer wieder dasselbe, als säßen vor ihm keine mündigen Bürger, sondern kleine Kinder.
Es folgte ein gestelltes Interview mit einem Politiker, welcher dieses Forum mit in den Landkreis Regensburg brachte.
UND dann kam er. Der sehr geehrte Herr Bundespräsident. LIVE. Aber natürlich nicht in Halle, sondern in Hof, und alle anderen 24 Standorte durften ihn über die Leinwand bewundern.
Nach einer Schweigeminute für Japan begann er zu reden, und was da aus seinem Mund kam war… war wirklich gut.
Es klang schon eher nach Pirat als nach CDUler. Die Dringlichkeit der Bürgerbeteiligung, die neuen Möglichkeiten durch das Internet, die Politikverdrossenheit, aber auch die steigende Anzahl von politischen engagierten Bürgern. Wunderschön anzuhören. Wie ein Bundespräsident sein sollte…
ABER irgendwann merkte man, dass er wenig Ahnung hatte von dem, was er da redet, und es kam auch nicht so herüber, als würde er wirklich dahinter stehen. Seine Rede hatte einen bitteren Nachgeschmack, dachte man darüber nach, was er und seine liebe Partei in seinen Zeiten als braves CDU-Mitglied und Funktionär gemacht hatten. Mein Verdacht erhärtete sich, dass es hier eher darum geht, kritische Bürger ruhig zu stellen. Die S21- und die Anti-Atom-Proteste, die steigende Anzahl an Bürgerinitiativen, kommunale Wahlgemeinschaften, Demokratie fördernde Vereine und natürlich auch die Generation Internet UND die Piratenpartei machen den Politikern Angst. Wenn sie nicht handeln sind sie bald arbeitslos.
Aber es gab ja noch Hoffnung. Wir waren ja fast alle kritische Bürger, und wollten anfangen uns Gedanken über neue Wege zu machen. Also machten wir uns an Phase 1…
Wollten wir, aber der Moderator redete weiter. Neben belanglosem „Gewäsch“ versuchte er die Aufteilung der versammelten Bürger zu ermitteln.
Auch hier wurde zunächst ein Eindruck von mir bestätigt. Die Mehrheit der Anwesenden war männlich und über 45.
Gleichzeitig waren nur 4 der knapp 300 Leute unter 25. Davon nur eine Weiblich. UND ich war der Jüngste.
Da kam eine neue Angst in mir auf. Die Angst vor einem „Bürgerforum der grauen Herren“
Diese Befürchtung legte sich dann. Ich traf keinen Parteisoldaten, keine Politik- aber Partei-Verdrossene und lauter kreative, offene, interessierte Menschen, welche mit der jetzigen Art, Politik zu machen, unzufrieden waren. Die perfekte Umgebung für einen Piraten wie mich. Ich erzählte auch vielen von der Piratenpartei, musste aber feststellen, dass keine anderen Piraten anwesend waren. Dafür aber lauter Menschen, welche die Piraten davor – oder mindestens danach – gut fanden, und nach meiner Sicht im Inneren ALLE Piraten wären.
Der Tag verging wie im Fluge und ich bekam, wie häufig, immer mehr Aufgaben zugeteilt.
Erst Kreativgruppe, dann Tischgastgeber und am Ende dann Bürgerredakteur.
Um 18 Uhr war es dann zu Ende und ich am Ende. Kopfschmerzen und müde, aber dafür glücklich.
Glücklich so viele Menschen getroffen zu haben, die für Demokratie und für Bürgerbeteiligung kämpfen. Ich bin zwar immer noch skeptisch, wie es mit diesem Bürgerforum weitergeht, und was es bewirkt, aber ich habe neue Zuversicht erlangt für die Piratenpartei und auch für den Sinn und Erfolg meiner Arbeit. Denn denkt daran (und das ist auch das Motto, was schlussendlich gewählt wurde):
„Demokratie, jetzt und hier,
Wer, wenn nicht wir!“

PS: Am Ende habe ich erfahren, dass ich die nächsten Wochen die Online-Moderation mit übernehmen darf…. Ich glaube, das wird nichts mit dem Abi x)

PPS: Mich würde interessieren, ob noch andere Piraten irgendwo in Deutschland an diesen Bürgerforen teilnehmen und auch die Erfahrungsberichte der NichtPiraten interessieren mich. Schreibt hier einen Kommentar, oder schreibt mir direkt über Twitter, Facebook, Email, Icq, Skype etc. – ihr wisst ja wo ihr mich finden könnt. Bei Fragen natürlich auch 😉


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